Wohin geht die Reise?

Die Erschöpfung steigt immer mehr, aber unsere Freunde ahnen das nahe Ziel und drängen weiter

Das kleine, schwarze Fohlen warf immer wieder einen besorgten Blick zur Seite. Nach einiger Zeit fragte es leise: „Brauchst du eine Pause?“ Polly beobachtete ihre Freundin Blume schon seit geraumer Zeit, denn Blume schwitzte und plagte sich immer mehr, das Tempo zu halten.
„Es geht schon“, schnaufte das graue Stutfohlen jetzt und sah hinauf in den Himmel. Hoch über ihnen zog die schwarze Rabin Elvira ihre Kreise. Sie waren jetzt schon wieder seit Stunden unterwegs und hatten nur eine kurze Pause eingelegt, um zu fressen und aus einem schmalen Bach zu trinken. Für Blume, die noch ein wenig kleiner und schwächer als Polly war, war das ununterbrochene Laufen noch anstrengender.
Polly hoffte für die Freundin, dass Elvira bald eine Pause einlegen würde. So wie das für sie aussah, würde Blume nicht mehr lange durchhalten. Aber die Graue wollte nicht aufgeben, sie biss die Zähne zusammen und kämpfte weiter, obwohl der Weg immer schwieriger wurde. Mittlerweile liefen sie über Felsen und Gestein und selbst Polly musste aufpassen, dass sie nicht stolperte.
Als sie den Kopf nach einer kurzen Weile wieder einmal hob, erblickte sie vor sich zwei gewaltige Felsen, die links und rechts vor ihnen aufragten.
„Was ist das?“, fragte Polly, aber Blume gab ihr keine Antwort. Polly blieb stehen und sah sich um. Die Felsen waren so hoch, dass ein großer Teil des wolkenbehangenen Himmels von ihnen verdeckt wurde, aber Elvira kreiste noch immer über ihnen.

„Es ist nicht mehr weit!“, rief sie von oben und deutete mit einem kohlrabenschwarzen Flügel nach vorne.
Polly warf Blume einen schnellen Blick zu und sah dann ebenfalls nach vorne. Der Weg wurde immer schmaler und verengte sich schließlich so weit, dass ein ausgewachsenes Pferd nur mühsam durchpasste.
„Schaffst du das noch?“, fragte Polly besorgt, woraufhin Blume die Augen zusammenkniff und entschlossen nickte. Sie überholte das schwarze Fohlen und ging vorsichtig durch den Durchgang. Polly folgte ihr und konnte bald nichts mehr als das graue Fell ihrer Freundin sehen.
„Siehst du etwas?“, fragte sie drängend und reckte den Kopf, aber sie konnte nicht über die Ohren ihrer Freundin sehen.
„Das ist atemberaubend!“ Blume keuchte und verharrte einen Moment. Die Neugier quälte Polly und sie stupste Blume, damit sie weiter ging und sie ebenfalls sehen konnte, was hinter dem Durchgang lag.

Plötzlich spürte Polly Gras unter ihren Hufen und ihr Blickfeld weitete sich. Blume stürmte vor, auf eine wunderbar saftige und grüne Wiese und Polly blieb atemlos stehen. Um sie herum war alles bunt! Rote, Gelbe und Violette Blumen bewegten sich sanft auf der Wiese neben saftigen, dunkelgrünen Grashalmen. Die Blätter der Bäume raschelten in einer leichten Brise und sie Sonne strahlte hell und warm auf sie hinab. In der Ferne rauschte Wasser von einem Bach und in den Bäumen saßen fröhliche Vögel und zwitscherten gutgelaunt.
„Wo sind wir?“, fragte Polly erstaunt.
„Das ist das Reich eures Vaters. Das ist das Donnerland.“ Elvira war hinabgeschwebt und hatte sich auf einem Ast in der Nähe niedergelassen.
„Dann ist unser Vater auch hier?“, fragte Polly überrascht.
„Er erwartet euch beide schon. Er ist sehr stolz auf euch, denn ihr habt seine Prüfung mit Bravour bestanden.“ Sie lächelte und erhob sich wieder in die Lüfte. Polly verstand die Welt nicht mehr, was hatte es mit der ganzen Sache auf sich?

Autor: Steffi