Weiß wie Schnee, weiß wie Eulen

Unsere beiden Adler werden entdeckt und gehen durch den schwarzen Tunnel ins Weiße

Der Seeadler Boris schlief kaum in dieser Nacht. Eng an Wicky gekuschelt, hörte er deren gleichmäßige Atemzüge, während er selbst kein Auge zutun konnte. Denn wenn er seinen Blick dem Nachthimmel zuwandte, konnte er die weißen Eulen erspähen, die vom Licht des fast vollen Mondes noch heller strahlten als die Schneelandschaft. Boris wagte kaum zu atmen, weil er von dem herausragenden Gehör der Eulen wusste und jeden Moment glaubte, entdeckt zu werden. Sie mussten doch sein klopfendes Herz hören, oder die Atemzüge von Wicky? Doch während der Mond langsam über den Himmel wanderte, schienen sie unsichtbar für die nachtaktiven Eulen. Erst gegen Ende der Nacht atmete Boris auf und fing an, sich zu entspannen. Er schüttelte seine verkrampften Beine aus und schloss dann die Augen.
Gerade, als er in einen tiefen Schlaf glitt, raschelte etwas nicht weit entfernt von ihnen und sofort war Boris in Alarmbereitschaft. Er riss die Augen auf und der Atem stockte ihm. Direkt vor den beiden spähte eine riesige, schneeweiße Eule durch die Nadeln des Baumes.
Langsam stupste Boris seine Freundin wach, während seine Augen auf die Eule geheftet waren. Diese ließ sich langsam auf einem Ast vor ihnen nieder, die schwarzen Augen flogen zwischen Wicky und Boris hin und her.
„Ein Mucks und ihr seid schneller tot, als ihr Maus sagen könnt!“, zischte sie mit langsamer, gefährlicher Stimme und hob ein Bein, an dem gefährlich lange und spitze Krallen zu sehen waren. Boris wollte sich instinktiv auf den Eulenkrieger stürzen, und war sich auch sicher, diesen Kampf gewinnen zu können – schließlich hatte er lange genug bei König Errich trainiert und auch schon einige Gefechte gewonnen, aber wenn er den Euler angriff, würden die paar Dutzend Eulen draußen das Kampfgeschrei hören und gegen so viele Krieger hatten sie keine Chance. Außerdem wollte er Wicky nicht gefährden, die noch nie eine herausragende Kämpferin gewesen war. 

Seine kleinere Freundin starrte den Euler aus großen Augen an, offenbar kannte sie ihn, doch Boris konnte sie jetzt nicht danach fragen. So folgten sie dem weißen Vogel, der mit einem Flügel nach unten deutete. „Was will er?“, fragte sich der Seeadler verwirrt, doch Wicky hatte es schon begriffen, ließ sich von dem Ast fallen und segelte langsam in die Tiefe, bis sie am Boden angelangt war. Der Euler deutete Boris, dasselbe zu tun, der nur widerwillig folgte. Doch mit der Aussicht, von mörderischen Krallen aufgespießt zu werden, tat er lieber, was von ihm verlangt wurde, und nur wenige Augenblicke nach ihm landete auch der Fremde neben ihnen auf dem kalten Erdboden.
„Und was jetzt?“, hätte Boris am liebsten gefragt, als der Euler erneut seine schwarzen Augen auf sie richtete. Doch da marschierte dieser auch schon los, ohne sich nach ihnen umzudrehen. Da die Tanne riesig war, war auch der geschützte Hohlraum zwischen Stamm und dem Nadeldach ziemlich groß, sodass Boris erst auf den zweiten Blick ein schwarzes Loch im Boden bemerkte. Er riss die Augen auf, als ihm klar wurde, dass die weiße Eule genau darauf zuhielt, kurz davor stehen blieb und den zweien ungeduldig winkte, sich hinein zu begeben. Unruhig sah der große Adler das kleinere Adlerweibchen an, welche ihm auffordernd zunickte und Anstalten machte, als erstes in das Schwarze Nichts zu gehen. Doch Boris war schneller und drängelte sich vor Wicky. Auch wenn es ihm Sorgen bereitete, nichts zu sehen, konnte er seine Freundin nicht guten Gewissens vorangehen lassen, das ließen seine guten Manieren nicht zu. Er warf noch einen Blick zurück und begegnete Wickys bangen Blick, dann setzte er vorsichtig einen Fuß vor das andere und tastete sich vorwärts, durch den Tunnel hindurch.
Er konnte weder sehen noch hören, was ihn am anderen Ende erwarten würde, Boris spürte nur den kalten Schnee unter ihm und die bedrückende Enge des Tunnels. Der Platz reichte bei weitem nicht aus, um seine Flügel aufzuspannen, er war also völlig auf seine Beine angewiesen, was ihm gar nicht behagte. Als Adler war er dazu geboren, hoch in den Lüften zu fliegen, und nicht hier in einem Tunnel am Boden herumzukriechen.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, merkte Boris zuerst gar nicht, dass sich der Tunnel langsam lichtete und erst, als ihn das strahlend helle Weiß des Schnees und der Federn der Eulen blendete, erkannte er, wo er sich befand und wer ihm da gegenüberstand, die eisblauen Augen auf ihn gerichtet.

Autor: Steffi