Überall Wasser

Polly und Blume, die beiden Fohlen schleichen davon und erleben ihr ersten Abenteuer am Fluss.

Polly und Blume wurden schnell die besten Freundinnen. Sie machten alles zusammen, von spaßigen Raufereien bis zu Erforschungen der Umgebung. Ihre Mütter sahen es zwar nicht gerne, wenn sich die beiden Fohlen wegschlichen, aber sie konnten ihnen auch die Neugier auf das, was außerhalb der geschützten Herde lag, nicht verübeln. Eines frühen Morgens wachte Polly auf, da sie irgendetwas unablässig gegen die Stirn stupste. Als sie blinzelte, erkannte sie Blume, die hellwach vor ihr stand.

„Komm schon, meine Mama und deine Mama schlafen noch!“, flüsterte sie und sofort war auch Polly wach. Als sie sich auf leisen Hufen wegschlichen, hatte sie zwar ein flaues Gefühl in der Magengegend, aber sie schüttelte es schnell ab, als sie sich an der braunen Stute, die gerade Wache hielt und in die Ferne starrte, vorbeischlichen. Polly übernahm die Führung und passte sorgsam auf, dass sie Braune nicht sehen konnte. Das fehlte noch, dass diese die ganze Herde aufweckte und ihre Mütter dann mit ihnen schimpfen würden!

„Was haben wir vor?“, fragte Blume neugierig, denn Polly hatte sofort eine Richtung eingeschlagen, in die sie noch nie gegangen waren. „Mama hat mir gestern erzählt, dass dort hinten ein Bach liegt, der so breit und tief ist, dass man nicht durchschwimmen kann“, erklärte sie aufgeregt. Blume staunte und folgte dann der Freundin, bis sie eine Baumgruppe erreichten. Einige saftige Äpfel hingen an den Bäumen, aber Polly und Blume hatten kein Interesse an dem Obst, viel zu neugierig waren sie auf den großen Bach.

Sie hörten das Wasser, noch ehe sie es sahen. Bisher hatten beide nur die kleinen Bäche gesehen, an denen sie Halt gemacht hatten, um zu trinken, aber dieser Bach hörte sich ganz anders an, als die plätschernden Bäche. Der Lärm war laut und es klang, als ob sehr viel Wasser in dem Bach war.

Tatsächlich war der Bach gewaltig. Polly riss vor Staunen die Augen auf und Blume schreckte sogar ein wenig zurück, beinahe fürchteten sie sich vor dem Wasser. Der Bach war sehr breit und überall ragten Felsen heraus, an denen das Wasser hochspritzte und aufschäumte. Wenn sich Polly umsah, war das auch nicht verwunderlich, denn auf der anderen Seite des Wassers ging es steil bergauf, doch kein Gras wuchs dort, nur blanke Felsen schimmerten zu ihnen herüber.

„Meinst du, wir können dort hinüber?“, fragte Polly ihre Freundin. Blume sah sie ängstlich an: „Ist das nicht zu gefährlich? Sieh dir die Felsen an, Polly!“

Doch das schwarze Fohlen fürchtete sich nicht vor dem Wasser. Sie war noch nie geschwommen, aber ihre Mama hatte ihr erzählt, dass alle Pferde schwimmen konnten. Das war doch sicher nicht so schwer, oder? Unschlüssig stand sie da, und streckte dann vorsichtig einen Huf in das Wasser. Er floss schnell an ihr vorbei und spritzte kalt an ihrem Bein hoch, also zog Polly den Huf schnell wieder aus dem Wasser.

„Das ist gefährlich, Polly!“, wiederholte die graue Blume, aber ihre Freundin achtete nicht auf sie. „Polly, hör mir zu! Nicht!“, Blumes Wiehern wurde immer lauter und ängstlicher, da Polly nicht auf sie hörte und jetzt wieder einen Huf ins Wasser stellte. Sie tastete sich langsam abwärts und fand auch bald einen festen Untergrund, sodass sie den zweiten Huf ins Wasser stellte. Die Strömung war stark und zog heftig an ihr, aber das Fohlen stand bald trotzdem im kalten, klaren Wasser.

„Poooolly!“, rief Blume und kam ganz nahe ans Wasser. Polly wollte gerade erwidern: „Siehst du, es passiert doch gar nichts“, als eine besonders hohe Welle bis zu ihrem Körper schwappte und sie ausrutschte. Sie fiel hart mit dem Kopf voran ins Wasser und schluckte gleich eine volle Ladung davon, bis sie den Kopf wieder hochreißen und Luftholen konnte. Aber jetzt stand sie keineswegs mehr sicher und drohte, jeden Moment von den Fluten mitgerissen zu werden.

In diesem Moment hörte sie ein lautes: „Spring, Fohlen, spring jetzt!“ und nahm all ihre Kraft zusammen, um soweit in die Luft zu springen wie sie nur konnte. Dann stand sie zitternd und bibbernd am Ufer und blickte direkt in die Augen eines gigantischen, schwarzen Vogels.

Autor: Steffi