Der Sprung über den Schatten - Pollys Abenteuer geht weiter

Unsere Freunde springen über den Schatten und landen auf der anderen Seite des Flusses

„Wie weit müssen wir noch laufen?“, fragte Blume leise. Im selben Moment stolperte das graue Fohlen und konnte sich nur mit Mühe vor dem Hinfallen bewahren. Sie war erschöpft, und doch flog Elvira unermüdlich weiter.
Der schwarze Rabe blickte hinab zu den zwei Fohlen. Sie flog nicht sehr hoch und konnte deshalb nur zu gut hören, was die Fohlen sprachen. Sie schmunzelte aber nur und flog weiter. Die zwei waren noch jung und hatten noch nicht die Kraft und die Ausdauer wie ältere Pferde, aber sie mussten lernen, die Zähne zusammenzubeißen und sich nicht zu beklagen.
„Elvira will uns testen!“, flüsterte Polly ihrer Freundin zu. Blume sah sie mit großen Augen an und wollte etwas sagen, aber das schwarze Fohlen schüttelte den Kopf und raunte ihr zu: „Wenn sie eine Aufgabe für uns hat, dann muss sie sicher sein, dass wir auch mutig und kräftig genug dafür sind. Deshalb sollten wir nicht jammern.“  
Jetzt nickte Blume ernst und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Ein entschlossener Ausdruck trat in ihre Augen und sie trabte so schnell vorwärts, dass Polly sich anstrengen musste, um mit ihr mitzuhalten.

„Polly, Blume, wir machen jetzt eine kurze Pause!“, rief Elvira nach einiger Zeit und landete auf einem Baum weiter vorne. Die zwei Fohlen verschnauften dankbar und sahen sich dann neugierig um. Elvira, der schwarze Vogel, hatte sie durch eine Ebene geführt und jetzt lag ein breiter Bach vor ihnen. Er war bei weitem nicht so breit wie der große Fluss, in dem Polly fast ertrunken wäre, aber doch so breit, dass Polly nicht darüber springen wollte.
Aber es gab keinen anderen Weg, wie Elvira ihnen erklärte.
„Wir müssen darüber springen?“, fragte Polly zur Sicherheit doch noch nach. Elvira nickte und sah das schwarze Fohlen mit einem durchdringenden Blick an. 

Blume bemerkte diesen Blick nicht, sie maß die Entfernung ab, nahm dann Anlauf und sprang mit einem gewaltigen Satz über den Bach. Polly bewunderte die Sprungkraft ihrer Freundin, während sie selbst wie erstarrt am Ufer stand.
„Es ist gar nicht schwer!“, wieherte Blume von der anderen Seite herüber, aber Polly konnte sich einfach nicht überwinden, den Bach zu überspringen. Der Schock über ihr letztes Erlebnis mit dem Wasser steckte ihr noch tief in den Knochen. Sie dachte daran, wie das Wasser sie mitspülen wollte und nicht locker gelassen hatte. Das Stutfohlen schüttelte sich und machte einen Schritt weg vom Wasser. Sie spürte, dass Elvira sie beobachtete, während Blume ihr ermutigende Wörter zurief.
„Du musst über deinen Schatten springen!“, das war das einzige, was Elvira leise mit ihrer krächzenden Stimme sagte. Polly schloss für einen Moment die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Es war ihr bewusst, dass sie über den Bach springen musste, wenn sie gemeinsam mit ihrer Freundin und dem Raben ihren Vater suchen wollte. Aber es fiel ihr so unglaublich schwer, die schrecklichen Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen.
„Bei drei“, dachte Polly und ging ein paar Schritte zurück. Sie konzentrierte sich und ein entschlossener Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Eins… zwei… drei!“
Bei drei stürmte sie los, stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und flog über den Bach. Kaum eine Sekunde war sie in der Luft, dann landete das Fohlen hart auf der Erde – mit großem Abstand zu dem Bach. Ungläubig starrte Polly auf den Bach, den sie so leicht überwunden hatte und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um ihr rasendes Herz zu beruhigen.
„Ich hab’s geschafft!“, flüsterte sie dann und strahlte Blume an, die sie begeistert in die Seite stieß.
„Dann kann es ja weitergehen!“, rief Elvira von ihrem Ast und schwang die Flügel in die Lüfte.

Autor: Steffi