Polly das kleine Fohlen kommt zur Welt

Das kleine Fohlen hat viele Fragen an seine Mama und muss noch viel lernen

Die erste Frage, welche die kleine Polly ihrer Mama stellte, kurz nachdem sich ihre Augen nach der Geburt geöffnet hatten, war: „Warum bist du so groß und ich so klein?“
Ihre Mama Serafina prustete daraufhin amüsiert und auch die Stuten in ihrer Nähe waren belustigt über diese Frage und alle hörten sie für einen Moment zu grasen auf, um Serafinas Antwort zu hören.
„Ich bin so groß, weil ich schon so viel Milche getrunken habe. Und du hast noch keine Milch getrunken, deshalb bist zu so klein.“
„Werde ich auch so groß, wenn ich viel Milch trinke?“, fragte Polly.
„Natürlich, mein Schatz!“, Serafina stupste das kleine Fohlen auffordernd an und deutete mit ihrer Schnauze auf ihren Bauch. Instinktiv wusste Polly, dass sie aufstehen und zu den Zitzen ihrer Mutter musste. Sie hatte wahnsinnigen Durst, aber auch keine Ahnung, wie das mit dem Aufstehen genau ging.
„Welches Bein kommt wohin?“, fragte sie sich verwirrt. Sie versuchte es einmal auf Gut Glück und stellte fest, dass das gar nicht so einfach war, denn ihre Beine waren dünn und lang – viel zu lang, um sich einfach so aufzustemmen. Nachdem Polly es fünfmal erfolglos probiert hatte, machte sie eine kurze Verschnaufpause und betrachtete stattdessen ihre Mama, die ihr glücklich zusah.

Serafina war für Polly sehr groß und durch ihre jungen Fohlenaugen war sie die schönste Stute der Herde. Sie hatte hellbraunes, glänzendes Fell und eine seidig schwarze Mähne. Außerdem war sie sehr dünn, man sah beinahe die Rippen durch. Polly besah sich ihre eigenen Beine, die kohlrabenschwarz waren und an denen das Fell in alle Richtungen abstand. Doch das war jetzt nicht so wichtig, sie musste endlich an die Milch kommen! Da es ohne richtige Planung nicht zu funktionieren schien, ordnete Polly ihre Beine sorgfältig und stemmte dann ihr Hinterteil nach oben. Es war äußerst anstrengend, aber wenigstens war jetzt ein Teil von ihr schon in der Höhe. Doch wie sollte sie die Vorderbeine hochbekommen? Polly überlegte und da es immer schwieriger wurde, nicht mit den Hinterbeinen einzuknicken, nahm sie alle Kraft zusammen und stemmte sich hoch. Einen Moment lang stand sie stolz auf wackeligen Beinen, dann gaben diese auf und das schwarze Fohlen lag als verknotetes Knäuel wieder auf der Erde.
„Du schaffst das, Polly!“, rief die Mutter auffordernd, half ihr aber nicht. Polly sollte das alleine schaffen, sonst hatte sie hier in der Wildnis keine Chance zu überleben.
Noch einmal ordnete Polly die langen Beine, dann kam zuerst das Hinterteil hoch und als Nächstes wieder die Sache mit den Vorderbeinen. Doch diesmal hielten ihre Beine dem Gewicht stand und nun stand Polly zum ersten Mal neben ihrer Mama.

„Gut gemacht, meine Kleine!“, sagte Serafina stolz und wies ihr mit dem Kopf erneut zu den Zitzen. Doch Polly stand wie angewurzelt da. Wie sollte sie denn auf diesen wackeligen Dingern auch noch gehen? Das Aufstehen alleine war schon fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
„Nur Mut, Polly!“, rief eine braune Stute neben Serafina dem Fohlen zu, und zwei weitere Stuten schnaubten aufmunternd. Von den Pferden angetrieben, kniff das Rappfohlen die Augen zusammen und hob vorsichtig einen Huf vom Boden hoch. Es war eine wackelige Angelegenheit, aber Polly fiel nicht um. Also setzte sie das Bein ein kleines Stückchen weiter vorne wieder auf die Erde. Das klappte ganz gut, und vier Schritte später hatte sie ihre Mutter erreicht. Ohne dass Serafina es ihr zeigen musste, fand sie die Zitzen und begann sofort zu trinken. Die Milche schmeckte köstlich und als Polly genug hatte, fühlte sie sich frisch gestärkt und bereit, die Welt zu entdecken.

Autor: Steffi