Die Mutter findet Ihre beiden Kinder

Beere findet die gesuchten Kinder der Füchsin, aber im glücklichsten Moment kommt es zum Treffen mit dem Feind.

„Und jetzt seid gaanz leise!“, zischte Tiger. Der getigerte Kater war tief über den Boden geduckt und kroch langsam vorwärts, während Langohr und Beere hinter dem Brombeerbusch regungslos verharrten. Beeres Blick war auf ihren Freund geheftet, der sich langsam vorwärtsschob, langsam Pfote vor Pfote setzte und schließlich über den Rand hinab in die kleine Senke blickte. Ihr Herz pochte rasend schnell und sie konnte es kaum ertragen, nicht zu wissen, was Tiger da sah. Der Geruch der kleinen Füchse musste ihn genau an diese Stelle geführt haben, doch immerhin war dort unten dann wahrscheinlich auch ein ausgewachsener Fuchs, der ihn jederzeit angreifen konnte. Stunden schienen vergangen zu sein, dann schlich Tiger endlich zurück, drehte sich um und kam mit einem erleichterten Funkeln in den Augen zu ihnen gesprungen.
„Deine Jungen sind da unten, aber von Schlitzohr habe ich nicht einmal eine Schwanzspitze gesehen“, erklärte er. Die Füchsin stieß einen tiefen, zufriedenen Seufzer aus und sah die zwei Katzen fragend an: „Am besten, wir holen sie gleich da raus, bevor er zurückkommt! Wenn er herausfindet, dass meine Jungen weg sind, sollten wir schon so weit weg wie möglich sein!“

Wie Langohr es gesagt hatte, liefen die drei gemeinsam zu der Senke. Während Beere Wache hielt, sprang Langohr in die Sandgrube hinab und drückte ihre Jungen fest an sich. „Langschweif und Kurzschweif, euch geht es gut!“, Beere sah überrascht zu der Füchsin hinunter. Noch nie hatte sie diese so schnurren gehört und noch nie hatte Langohr erwähnt, wie ihre Jungen hießen. Langschweif und Kurzschweif waren für sie sehr außergewöhnliche Namen, genauso wie Langohr und Schlitzohr. Aber bei den Füchsen gab es wohl eine andere Vorstellung von Namen als bei Katzen.
„Mami, Mami!“, rief der kleinere der beiden, dessen Schwanz tatsächlich etwas kurz war, doch bevor er weitersprechen konnte, wurde er von seinem größeren Bruder zur Seite geschubst: „Papa hat uns total viel vom Wald gezeigt!“
„Jaja, das mag ja sein, aber jetzt müssen wir uns wieder auf den Weg nachhause machen!“, Langohr sprach immer noch mit einer viel weicheren Stimme, als Beere es je von ihr gehört hatte. Sie leckte ihrem kleineren Sohn über ein Ohr, doch dieser duckte sich ungeduldig und redete weiter auf seine Mutter ein. Beere konnte nur staunen. Obwohl Langohr auf ihren ehemaligen Gefährten wütend war und ihn wahrscheinlich zutiefst hasste, ließ sie sich das vor ihren Jungen überhaupt nicht anmerken, die ihren Vater offenbar sehr mochten. „Wenn ich einmal Junge haben werde, dann möchte ich so eine Mutter sein wie Langohr“, dachte Beere und wunderte sich im selben Moment über sich selber. Junge? Sie? Das kam gar nicht infrage! Die ganze Verantwortung und Nerven, die Junge kosteten – das war nichts für sie. Aber wenn doch…
Ihr Blick wanderte langsam zu Tiger, doch dann schüttelte sie den Kopf und vertrieb die Illusion, die drei kleine, getigerte Jungen vor ihren Pfoten herumtollen ließ, aus ihrem Kopf. Das war doch lächerlich!
Wie Beere beobachtete auch Tiger die Wiedersehensfreude bei den Jungen, die aufgeregt quiekten und sich an den Körper ihrer Mutter drängten, dann räusperte er sich und miaute langsam: „Langohr, wir sollten...“
Weiter kam er nicht, denn Beere schrie in genau diesem Moment erschrocken auf, als sie eine riesige, rote Gestallt vor sich sah.
„Du hast dir Zeit gelassen, Langohr!“, sagte Schlitzohr.

Autor: Steffi