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Polly, das kleine Fohlen

Polly hat in dieser Pferdegeschichte viele Fragen und noch viel zu lernen.

Die erste Frage, welche die kleine Polly ihrer Mama stellte, kurz nachdem sich ihre Augen nach der Geburt geöffnet hatten, war: „Warum bist du so groß und ich so klein?“
Ihre Mama Serafina prustete daraufhin amüsiert und auch die Stuten in ihrer Nähe waren belustigt über diese Frage und alle hörten sie für einen Moment zu grasen auf, um Serafinas Antwort zu hören.
„Ich bin so groß, weil ich schon so viel Milche getrunken habe. Und du hast noch keine Milch getrunken, deshalb bist zu so klein.“
„Werde ich auch so groß, wenn ich viel Milch trinke?“, fragte Polly.
„Natürlich, mein Schatz!“, Serafina stupste das kleine Fohlen auffordernd an und deutete mit ihrer Schnauze auf ihren Bauch. Instinktiv wusste Polly, dass sie aufstehen und zu den Zitzen ihrer Mutter musste. Sie hatte wahnsinnigen Durst, aber auch keine Ahnung, wie das mit dem Aufstehen genau ging.
„Welches Bein kommt wohin?“, fragte sie sich verwirrt. Sie versuchte es einmal auf Gut Glück und stellte fest, dass das gar nicht so einfach war, denn ihre Beine waren dünn und lang – viel zu lang, um sich einfach so aufzustemmen. Nachdem Polly es fünfmal erfolglos probiert hatte, machte sie eine kurze Verschnaufpause und betrachtete stattdessen ihre Mama, die ihr glücklich zusah.

Serafina war für Polly sehr groß und durch ihre jungen Fohlenaugen war sie die schönste Stute der Herde. Sie hatte hellbraunes, glänzendes Fell und eine seidig schwarze Mähne. Außerdem war sie sehr dünn, man sah beinahe die Rippen durch. Polly besah sich ihre eigenen Beine, die kohlrabenschwarz waren und an denen das Fell in alle Richtungen abstand. Doch das war jetzt nicht so wichtig, sie musste endlich an die Milch kommen! Da es ohne richtige Planung nicht zu funktionieren schien, ordnete Polly ihre Beine sorgfältig und stemmte dann ihr Hinterteil nach oben. Es war äußerst anstrengend, aber wenigstens war jetzt ein Teil von ihr schon in der Höhe. Doch wie sollte sie die Vorderbeine hochbekommen? Polly überlegte und da es immer schwieriger wurde, nicht mit den Hinterbeinen einzuknicken, nahm sie alle Kraft zusammen und stemmte sich hoch. Einen Moment lang stand sie stolz auf wackeligen Beinen, dann gaben diese auf und das schwarze Fohlen lag als verknotetes Knäuel wieder auf der Erde.
„Du schaffst das, Polly!“, rief die Mutter auffordernd, half ihr aber nicht. Polly sollte das alleine schaffen, sonst hatte sie hier in der Wildnis keine Chance zu überleben.
Noch einmal ordnete Polly die langen Beine, dann kam zuerst das Hinterteil hoch und als Nächstes wieder die Sache mit den Vorderbeinen. Doch diesmal hielten ihre Beine dem Gewicht stand und nun stand Polly zum ersten Mal neben ihrer Mama.

„Gut gemacht, meine Kleine!“, sagte Serafina stolz und wies ihr mit dem Kopf erneut zu den Zitzen. Doch Polly stand wie angewurzelt da. Wie sollte sie denn auf diesen wackeligen Dingern auch noch gehen? Das Aufstehen alleine war schon fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
„Nur Mut, Polly!“, rief eine braune Stute neben Serafina dem Fohlen zu, und zwei weitere Stuten schnaubten aufmunternd. Von den Pferden angetrieben, kniff das Rappfohlen die Augen zusammen und hob vorsichtig einen Huf vom Boden hoch. Es war eine wackelige Angelegenheit, aber Polly fiel nicht um. Also setzte sie das Bein ein kleines Stückchen weiter vorne wieder auf die Erde. Das klappte ganz gut, und vier Schritte später hatte sie ihre Mutter erreicht. Ohne dass Serafina es ihr zeigen musste, fand sie die Zitzen und begann sofort zu trinken. Die Milche schmeckte köstlich und als Polly genug hatte, fühlte sie sich frisch gestärkt und bereit, die Welt zu entdecken.

Polly, das kleine Fohlen hat Fragen über Fragen

Den ganzen Tag lang blieb Polly immer eng an ihre Mutter geschmiegt und sah sich ängstlich auf der Wiese um, auf der die Herde graste. Als dann nach einiger Zeit des friedlichen Grasens die braune Stute, die neben Serafina und Polly stand, zu ihnen herüber kam, versteckte sich Polly schüchtern unter dem Bauch ihrer Mutter.
„Ein wunderschönes Fohlen hast du da, Serafina. Aus ihr wird einmal eine prächtige Stute. Ich habe gehört, dass Donner schon auf dem Weg hierher sein soll.“, die Braune senkte den Kopf, um Polly näher in Augenschein nehmen zu können. „Hallo, kleine Polly. Ich bin Lia.“
Einen Moment musterte Polly die fremde Stute, dann versteckte sie den Kopf hinter dem Bein ihrer Mutter. Sie lauschte dem Gespräch der beiden und fragte sich, wer wohl dieser Donner war, über den sie sprachen. Als Lia weg war, fragte Polly Serafina vorsichtig nach Donner.
„Donner ist der Leithengst unserer Herde. Er beschützt uns und ist auch dein Vater. Gerade jetzt ist er allerdings weit weg, denn  er musste das Tal, in das wir wandern, nach Feinden absuchen. Wenn er wieder hier ist, kann uns Wanda dorthin führen, damit alle Fohlen dort ohne Sorgen und Probleme groß werden können.“ Das war eine Menge Informationen, die Polly da bekam. Was bedeutete „Vater“ genau? Und was sollte da heißen „alle Fohlen“. Gab es etwa noch andere Fohlen außer ihr? Außerdem war das schwarze Fohlen neugierig auf das Tal, in dem es anscheinend gar keine Gefahren gab. Aber was waren Gefahren überhaupt?
Polly stellte ihre Fragen auch, doch kaum hatte ihre Mutter alle beantwortet, vielen ihr neue Fragen ein. Was waren das für merkwürdige, gelbe Blüten auf dem Boden? Warum fraß Serafina Gras, während sie selbst das grüne Zeug widerlich fand? Wer waren die anderen Stuten und warum hatten manche von ihnen so dicke Bäuche, ganz im Gegenteil zu Pollys Mama? 

Die meisten Fragen hatte Polly allerdings, als sie gerade eine Woche alt war, denn da ereignete sich etwas sehr merkwürdiges. Die braune Lia verschwand steifbeinig und stöhnend und kehrte erst ein paar Stunden später zurück, der dicke Bauch war aber verschwunden. Gerade wollte Polly fragen, was mit Lia passiert war, als ein graues Etwas hinter ihren Beinen hervorlugte. Das kleine Ding war natürlich sehr viel interessanter als Lias Bauch, fand Polly.
„Was ist das?“, fragte sie sofort.
„Nicht was, wer! Das ist Lias Fohlen, geh doch hin zu ihr und frag sie, wie es heißt!“, schlug Serafina vor. Erst traute sich Polly nicht, doch dann wurde die Neugierde zu groß und sie trabte eifrig zu Lia hinüber.
„Das ist Blume!“, erklärte die Mutterstute stolz und leckte ihrer Tochter zärtlich über den struppigen und noch etwas nassen Kopf. Blume war um einiges kleiner als Polly, aber die Ältere schloss sie sofort ins Herz. Man musste das graue Fohlen aber auch sofort lieb haben, wie sie aus großen Augen staunend die Welt betrachtete und auf ungelenken Beinen herumstakste.
An diesem Abend schlief Polly schnell ein, und träumte von den kommenden Abenteuern, die sie gemeinsam mit Blume erleben würde…

Überall Wasser

Polly und Blume wurden schnell die besten Freundinnen. Sie machten alles zusammen, von spaßigen Raufereien bis zu Erforschungen der Umgebung. Ihre Mütter sahen es zwar nicht gerne, wenn sich die beiden Fohlen wegschlichen, aber sie konnten ihnen auch die Neugier auf das, was außerhalb der geschützten Herde lag, nicht verübeln. Eines frühen Morgens wachte Polly auf, da sie irgendetwas unablässig gegen die Stirn stupste. Als sie blinzelte, erkannte sie Blume, die hellwach vor ihr stand.

„Komm schon, meine Mama und deine Mama schlafen noch!“, flüsterte sie und sofort war auch Polly wach. Als sie sich auf leisen Hufen wegschlichen, hatte sie zwar ein flaues Gefühl in der Magengegend, aber sie schüttelte es schnell ab, als sie sich an der braunen Stute, die gerade Wache hielt und in die Ferne starrte, vorbeischlichen. Polly übernahm die Führung und passte sorgsam auf, dass sie Braune nicht sehen konnte. Das fehlte noch, dass diese die ganze Herde aufweckte und ihre Mütter dann mit ihnen schimpfen würden!

„Was haben wir vor?“, fragte Blume neugierig, denn Polly hatte sofort eine Richtung eingeschlagen, in die sie noch nie gegangen waren. „Mama hat mir gestern erzählt, dass dort hinten ein Bach liegt, der so breit und tief ist, dass man nicht durchschwimmen kann“, erklärte sie aufgeregt. Blume staunte und folgte dann der Freundin, bis sie eine Baumgruppe erreichten. Einige saftige Äpfel hingen an den Bäumen, aber Polly und Blume hatten kein Interesse an dem Obst, viel zu neugierig waren sie auf den großen Bach.

Sie hörten das Wasser, noch ehe sie es sahen. Bisher hatten beide nur die kleinen Bäche gesehen, an denen sie Halt gemacht hatten, um zu trinken, aber dieser Bach hörte sich ganz anders an, als die plätschernden Bäche. Der Lärm war laut und es klang, als ob sehr viel Wasser in dem Bach war.

Tatsächlich war der Bach gewaltig. Polly riss vor Staunen die Augen auf und Blume schreckte sogar ein wenig zurück, beinahe fürchteten sie sich vor dem Wasser. Der Bach war sehr breit und überall ragten Felsen heraus, an denen das Wasser hochspritzte und aufschäumte. Wenn sich Polly umsah, war das auch nicht verwunderlich, denn auf der anderen Seite des Wassers ging es steil bergauf, doch kein Gras wuchs dort, nur blanke Felsen schimmerten zu ihnen herüber.

„Meinst du, wir können dort hinüber?“, fragte Polly ihre Freundin. Blume sah sie ängstlich an: „Ist das nicht zu gefährlich? Sieh dir die Felsen an, Polly!“

Doch das schwarze Fohlen fürchtete sich nicht vor dem Wasser. Sie war noch nie geschwommen, aber ihre Mama hatte ihr erzählt, dass alle Pferde schwimmen konnten. Das war doch sicher nicht so schwer, oder? Unschlüssig stand sie da, und streckte dann vorsichtig einen Huf in das Wasser. Er floss schnell an ihr vorbei und spritzte kalt an ihrem Bein hoch, also zog Polly den Huf schnell wieder aus dem Wasser.

„Das ist gefährlich, Polly!“, wiederholte die graue Blume, aber ihre Freundin achtete nicht auf sie. „Polly, hör mir zu! Nicht!“, Blumes Wiehern wurde immer lauter und ängstlicher, da Polly nicht auf sie hörte und jetzt wieder einen Huf ins Wasser stellte. Sie tastete sich langsam abwärts und fand auch bald einen festen Untergrund, sodass sie den zweiten Huf ins Wasser stellte. Die Strömung war stark und zog heftig an ihr, aber das Fohlen stand bald trotzdem im kalten, klaren Wasser.

„Poooolly!“, rief Blume und kam ganz nahe ans Wasser. Polly wollte gerade erwidern: „Siehst du, es passiert doch gar nichts“, als eine besonders hohe Welle bis zu ihrem Körper schwappte und sie ausrutschte. Sie fiel hart mit dem Kopf voran ins Wasser und schluckte gleich eine volle Ladung davon, bis sie den Kopf wieder hochreißen und Luftholen konnte. Aber jetzt stand sie keineswegs mehr sicher und drohte, jeden Moment von den Fluten mitgerissen zu werden.

In diesem Moment hörte sie ein lautes: „Spring, Fohlen, spring jetzt!“ und nahm all ihre Kraft zusammen, um soweit in die Luft zu springen wie sie nur konnte. Dann stand sie zitternd und bibbernd am Ufer und blickte direkt in die Augen eines gigantischen, schwarzen Vogels.

Wer ist der geheimnisvolle scharze Vogel?

Polly starrte direkt in die Augen eines riesigen, schwarzen Vogels. Hinter dem Vogel starrte Blume ängstlich hervor, ihre Beine zitterten.
„Polly! Du hättest dich ernsthaft verletzen können!“, rief sie besorgt und sprang herüber, um ihre Freundin auf Verletzungen zu untersuchen.
Polly blickte jedoch nur den Vogel an, ein Dutzend Fragen auf der Zunge.
„Ich heiße Elvira und bin ein Rabe, kleines Fohlen!“, der schwarze Vogel nickte leicht mit dem Kopf und drehte dann den langen, schwarzen Schnabel zu Blume hinüber.
„Dein Name ist Blume, nicht wahr?“ Das graue Fohlen nickte mit großen Augen und auch Polly fragte sich, woher die Rabendame das wissen konnte. „Schön, dich kennen zu lernen!“, damit neigte Elvira erneut den Kopf.
„Woher weißt du das?“, fragte Polly forsch. Der schwarze Vogel neigte leicht den Kopf und erklärte dann: „Ich habe euch beobachtet.“
„Warum?“, diese schüchterne Frage kam von Blume. Sie war inzwischen neben ihre Freundin getreten und drückte ihr trockenes, flauschiges Fell gegen das völlig durchnässte von Polly. 

„Ihr seit zwei sehr kluge junge Pferde. Ich habe euch für eine sehr gefährliche Reise ausgewählt, weil ihr beide gemeinsam Großes vollbringen könnt.“
„Was?“, die zwei Fohlen sahen sich mit aufgerissenen Augen an. Für Polly hörte sich das nach einem richtigen Abenteuer an und sie war gespannt, was Elvira ihnen noch erzählte:
„Ich bin eine gute Freundin von eurem Vater Donner. Er hat mich nach euch beiden geschickt, seinen mutigen Töchtern.“
Polly und Blume sahen sich mit großen Augen an – ihr Vater? Sie kannten ihn doch gar nicht, woher wusste er also von ihnen?
 „Woher…“, fing Polly an, aber Elvira stieß ein heiseres Lachen aus und sagte lächelnd: „Ihr denkt doch nicht etwa, dass euer Vater sich nicht für euch interessiert? Ich habe euch in seinem Auftrag beobachtet und ihm von euch berichtet. Deshalb hat er mich letzte Nacht geschickt, um euch zu holen.“
„Warum?“, fragte jetzt Blume.
„Das werdet ihr noch früh genug erfahren. Und jetzt kommt, die Reise dauert sogar für mich den halben Tag und der Luftweg ist um einiges kürzer als euer Weg.“
Sie betrachtete die dünnen Beine der Fohlen geringschätzig und schnaubte.
„Wir müssen es unseren Müttern sagen“, flüsterte Blume vorsichtig in Pollys Ohr. Aber Polly schüttelte den Kopf im selben Moment, als Elvira drängte: „Dafür bleibt keine Zeit, es eilt!“
Erneut sahen sich die Fohlen an, dann sagte Polly mutig: „Woher wissen wir, dass du wirklich von Donner kommst und uns nicht einfach weglocken willst?“
Elvira sah sie lange an, dann erhob sie sich in die Lüfte und rief von oben: „Ihr müsst mir einfach vertrauen. Hört auf eure Herz, und folgt mir, wenn ich mutig genug seid!“
„Sollen wir wirklich?“, fragte Blume zögerlich.
„Blume, das ist die Gelegenheit!“, ihre Freundin stupste sie aufgeregt. „Mein Herz sagt mir, dass Elvira die Wahrheit sagt.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das auch denke…“, Blume sah immer noch nicht überzeugt aus.
„Schließ die Augen und denk nach“, drängte Polly sie. Das graue Fohlen schloss brav die Augen und schwieg einen Moment, dann sagte es: „Ich glaube, du könntest Recht haben.“
„Super! Komm, wir folgen Elvira!“ Die beiden Fohlen sahen hinauf in den Himmel, wo der schwarze Vogel seine Kreise zog.
„Immer mir nach!“, hörten sie Elvira rufen und folgten ihr auf eine Reise, die ihr Leben verändern sollte.

Der Sprung über den Schatten

„Wie weit müssen wir noch laufen?“, fragte Blume leise. Im selben Moment stolperte das graue Fohlen und konnte sich nur mit Mühe vor dem Hinfallen bewahren. Sie war erschöpft, und doch flog Elvira unermüdlich weiter.
Der schwarze Rabe blickte hinab zu den zwei Fohlen. Sie flog nicht sehr hoch und konnte deshalb nur zu gut hören, was die Fohlen sprachen. Sie schmunzelte aber nur und flog weiter. Die zwei waren noch jung und hatten noch nicht die Kraft und die Ausdauer wie ältere Pferde, aber sie mussten lernen, die Zähne zusammenzubeißen und sich nicht zu beklagen.
„Elvira will uns testen!“, flüsterte Polly ihrer Freundin zu. Blume sah sie mit großen Augen an und wollte etwas sagen, aber das schwarze Fohlen schüttelte den Kopf und raunte ihr zu: „Wenn sie eine Aufgabe für uns hat, dann muss sie sicher sein, dass wir auch mutig und kräftig genug dafür sind. Deshalb sollten wir nicht jammern.“  
Jetzt nickte Blume ernst und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Ein entschlossener Ausdruck trat in ihre Augen und sie trabte so schnell vorwärts, dass Polly sich anstrengen musste, um mit ihr mitzuhalten.

„Polly, Blume, wir machen jetzt eine kurze Pause!“, rief Elvira nach einiger Zeit und landete auf einem Baum weiter vorne. Die zwei Fohlen verschnauften dankbar und sahen sich dann neugierig um. Elvira, der schwarze Vogel, hatte sie durch eine Ebene geführt und jetzt lag ein breiter Bach vor ihnen. Er war bei weitem nicht so breit wie der große Fluss, in dem Polly fast ertrunken wäre, aber doch so breit, dass Polly nicht darüber springen wollte.
Aber es gab keinen anderen Weg, wie Elvira ihnen erklärte.
„Wir müssen darüber springen?“, fragte Polly zur Sicherheit doch noch nach. Elvira nickte und sah das schwarze Fohlen mit einem durchdringenden Blick an. 

Blume bemerkte diesen Blick nicht, sie maß die Entfernung ab, nahm dann Anlauf und sprang mit einem gewaltigen Satz über den Bach. Polly bewunderte die Sprungkraft ihrer Freundin, während sie selbst wie erstarrt am Ufer stand.
„Es ist gar nicht schwer!“, wieherte Blume von der anderen Seite herüber, aber Polly konnte sich einfach nicht überwinden, den Bach zu überspringen. Der Schock über ihr letztes Erlebnis mit dem Wasser steckte ihr noch tief in den Knochen. Sie dachte daran, wie das Wasser sie mitspülen wollte und nicht locker gelassen hatte. Das Stutfohlen schüttelte sich und machte einen Schritt weg vom Wasser. Sie spürte, dass Elvira sie beobachtete, während Blume ihr ermutigende Wörter zurief.
„Du musst über deinen Schatten springen!“, das war das einzige, was Elvira leise mit ihrer krächzenden Stimme sagte. Polly schloss für einen Moment die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Es war ihr bewusst, dass sie über den Bach springen musste, wenn sie gemeinsam mit ihrer Freundin und dem Raben ihren Vater suchen wollte. Aber es fiel ihr so unglaublich schwer, die schrecklichen Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen.
„Bei drei“, dachte Polly und ging ein paar Schritte zurück. Sie konzentrierte sich und ein entschlossener Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Eins… zwei… drei!“
Bei drei stürmte sie los, stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und flog über den Bach. Kaum eine Sekunde war sie in der Luft, dann landete das Fohlen hart auf der Erde – mit großem Abstand zu dem Bach. Ungläubig starrte Polly auf den Bach, den sie so leicht überwunden hatte und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um ihr rasendes Herz zu beruhigen.
„Ich hab’s geschafft!“, flüsterte sie dann und strahlte Blume an, die sie begeistert in die Seite stieß.
„Dann kann es ja weitergehen!“, rief Elvira von ihrem Ast und schwang die Flügel in die Lüfte.

Wohin geht die Reise?

Das kleine, schwarze Fohlen warf immer wieder einen besorgten Blick zur Seite. Nach einiger Zeit fragte es leise: „Brauchst du eine Pause?“ Polly beobachtete ihre Freundin Blume schon seit geraumer Zeit, denn Blume schwitzte und plagte sich immer mehr, das Tempo zu halten.
„Es geht schon“, schnaufte das graue Stutfohlen jetzt und sah hinauf in den Himmel. Hoch über ihnen zog die schwarze Rabin Elvira ihre Kreise. Sie waren jetzt schon wieder seit Stunden unterwegs und hatten nur eine kurze Pause eingelegt, um zu fressen und aus einem schmalen Bach zu trinken. Für Blume, die noch ein wenig kleiner und schwächer als Polly war, war das ununterbrochene Laufen noch anstrengender.
Polly hoffte für die Freundin, dass Elvira bald eine Pause einlegen würde. So wie das für sie aussah, würde Blume nicht mehr lange durchhalten. Aber die Graue wollte nicht aufgeben, sie biss die Zähne zusammen und kämpfte weiter, obwohl der Weg immer schwieriger wurde. Mittlerweile liefen sie über Felsen und Gestein und selbst Polly musste aufpassen, dass sie nicht stolperte.
Als sie den Kopf nach einer kurzen Weile wieder einmal hob, erblickte sie vor sich zwei gewaltige Felsen, die links und rechts vor ihnen aufragten.
„Was ist das?“, fragte Polly, aber Blume gab ihr keine Antwort. Polly blieb stehen und sah sich um. Die Felsen waren so hoch, dass ein großer Teil des wolkenbehangenen Himmels von ihnen verdeckt wurde, aber Elvira kreiste noch immer über ihnen.

„Es ist nicht mehr weit!“, rief sie von oben und deutete mit einem kohlrabenschwarzen Flügel nach vorne.
Polly warf Blume einen schnellen Blick zu und sah dann ebenfalls nach vorne. Der Weg wurde immer schmaler und verengte sich schließlich so weit, dass ein ausgewachsenes Pferd nur mühsam durchpasste.
„Schaffst du das noch?“, fragte Polly besorgt, woraufhin Blume die Augen zusammenkniff und entschlossen nickte. Sie überholte das schwarze Fohlen und ging vorsichtig durch den Durchgang. Polly folgte ihr und konnte bald nichts mehr als das graue Fell ihrer Freundin sehen.
„Siehst du etwas?“, fragte sie drängend und reckte den Kopf, aber sie konnte nicht über die Ohren ihrer Freundin sehen.
„Das ist atemberaubend!“ Blume keuchte und verharrte einen Moment. Die Neugier quälte Polly und sie stupste Blume, damit sie weiter ging und sie ebenfalls sehen konnte, was hinter dem Durchgang lag.

Plötzlich spürte Polly Gras unter ihren Hufen und ihr Blickfeld weitete sich. Blume stürmte vor, auf eine wunderbar saftige und grüne Wiese und Polly blieb atemlos stehen. Um sie herum war alles bunt! Rote, Gelbe und Violette Blumen bewegten sich sanft auf der Wiese neben saftigen, dunkelgrünen Grashalmen. Die Blätter der Bäume raschelten in einer leichten Brise und sie Sonne strahlte hell und warm auf sie hinab. In der Ferne rauschte Wasser von einem Bach und in den Bäumen saßen fröhliche Vögel und zwitscherten gutgelaunt.
„Wo sind wir?“, fragte Polly erstaunt.
„Das ist das Reich eures Vaters. Das ist das Donnerland.“ Elvira war hinabgeschwebt und hatte sich auf einem Ast in der Nähe niedergelassen.
„Dann ist unser Vater auch hier?“, fragte Polly überrascht.
„Er erwartet euch beide schon. Er ist sehr stolz auf euch, denn ihr habt seine Prüfung mit Bravour bestanden.“ Sie lächelte und erhob sich wieder in die Lüfte. Polly verstand die Welt nicht mehr, was hatte es mit der ganzen Sache auf sich?

Endlich im Donnerland

Polly lief zu ihrer Freundin Blume, welche die Nase inmitten der duftenden Blumenwiese vergraben hatte und genüsslich die Augen geschlossen hielt.
Sie öffnete gerade ihr Maul, um dem grauen Stutfohlen zu erzählen, dass ihr Vater hier auf sie wartete, als ein gewaltiges Wiehern durch die Luft hallte. Beide Fohlen sahen auf und blickten sich nach der Quelle des Geräusches um.
Und dann sahen sie ihn. Einen prachtvollen, strahlend weiß schimmernden Hengst, mit dessen langer Mähne der Wind sanft spielte.
„Donner“, flüsterten beide Fohlen im selben Moment. Sie sahen sich kurz an, dann gingen sie langsam auf den Hengst zu, der sich nicht von der Stelle rührte. Er stand auf einer leichten Anhöhe, weshalb sie zu ihm aufsehen mussten, bis sie direkt vor ihm standen. Ihr Vater war groß und seine Muskeln  hoben und senkten sich bei jedem Atemzug. Er fixierte sie mit seinen schwarzen Augen unentwegt und senkte seinen Kopf erst, als sie ihm so nahe waren, dass er sie mit seiner Nase hätte berühren können.
„Willkommen. Willkommen Polly und willkommen Blume.“, sagte er mit tiefer Stimme und legte seine Nase erst auf Pollys, dann auf Blumes Stirn.
„Ihr habt euch tapfer geschlagen, bei der Aufgabe, die ich euch gestellt habe.“
„Was meinst du?“, fragte Polly nach, nachdem sie einen verwirrten Blick mit Blume gewechselt hatte.
„Ich habe zwei meiner Fohlen ausgewählt, die unter Elviras strenger Aufsicht den Weg hierher finden müssen. Diese beiden Fohlen müssen ihren Mut und ihre Ausdauer unter Beweis stellen, über ihren Schatten springen und ihre Ängste bezwingen. Du, Blume, hast nicht aufgegeben, obwohl du am Rande der Erschöpfung warst. Und du Polly, hast deine Furcht vor dem Wasser besiegt. Ihr seid würdig.“ Donner bedachte sie mit einem stolzen Blick, aber Polly kannte sich immer noch nicht aus.

„Wir sind würdig?“, fragte sie nach.
„Ja, Polly. Ihr seid bereit, alles von mir zu lernen, was ich an euch weitergeben kann. Eines Tages in ferner Zukunft werdet ihr beide diese Herde übernehmen und sie leiten, wenn ich nicht mehr bin. Hier, im Donnerland, werdet ich euch all das lehren, was ein guter Führer können und wissen muss.“
Das schwarze und das graue Fohlen machten große Augen. Donners Worte sickerten nur langsam zu ihnen durch und die volle Bedeutung dessen, was er sagte, wurde ihnen erst nach einer Weile bewusst.
„Wir sollen einmal die Herde führen?“, fragte Blume und vergaß völlig ihre Schüchternheit.
„Ja, meine Kleine. Ihr habt das Zeug dazu.“
„Aber wir sind Fohlen! Wer würde schon auf uns hören?“, Polly konnte einfach nicht glauben, was ihr Vater ihnen da erzählte.
„Das wird die Herde, wenn ihr euch als gerechte und kluge Führer erweist. Aber ich bin mir sicher, dass ihr das Zeug dazu habt. Sonst hätte ich euch keineswegs dazu auserwählt“, er lachte und sah Polly durchdringend an.
„Du kennst uns doch gar nicht!“, widersprach Polly erneut.
„Ihr seid beide meine Töchter. In euch fließt mein Blut. Und ich habe euch beobachtet, seit ihr den ersten Laufversuch unternommen habt.“

„Was meinst du?“, murmelte Polly der Freundin zu. Sie beobachteten den stolzen Hengst, ihren Vater, der seinen Blick wieder in die Ferne gerichtet hatte.
„Ich glaube, er könnte Recht haben“, flüsterte Blume zaghaft. „Außerdem ist er unser Vater. Würdest du ihn nicht gerne kennen lernen? Würdest du nicht gerne von ihm lernen?“
Polly nickte und reckte sich hoch, um Donner in die Augen sehen zu können: „Also gut, Vater. Wir werden bei dir bleiben.“
„Da bin ich aber froh“, Donner schmunzelte und deutete ihnen dann, sich neben ihn zu stellen. „Von heute an wird dies hier euer Zuhause sein. Und wenn ihr bereit dafür seit, holen wir auch die Herde hierher und werden sie gemeinsam beschützen, so gut wir können.“