Endlich im Donnerland

Die beiden Fohlen kommen im Donnerland an und erfahren vom großen Plan des Herrschers

Polly lief zu ihrer Freundin Blume, welche die Nase inmitten der duftenden Blumenwiese vergraben hatte und genüsslich die Augen geschlossen hielt.
Sie öffnete gerade ihr Maul, um dem grauen Stutfohlen zu erzählen, dass ihr Vater hier auf sie wartete, als ein gewaltiges Wiehern durch die Luft hallte. Beide Fohlen sahen auf und blickten sich nach der Quelle des Geräusches um.
Und dann sahen sie ihn. Einen prachtvollen, strahlend weiß schimmernden Hengst, mit dessen langer Mähne der Wind sanft spielte.
„Donner“, flüsterten beide Fohlen im selben Moment. Sie sahen sich kurz an, dann gingen sie langsam auf den Hengst zu, der sich nicht von der Stelle rührte. Er stand auf einer leichten Anhöhe, weshalb sie zu ihm aufsehen mussten, bis sie direkt vor ihm standen. Ihr Vater war groß und seine Muskeln  hoben und senkten sich bei jedem Atemzug. Er fixierte sie mit seinen schwarzen Augen unentwegt und senkte seinen Kopf erst, als sie ihm so nahe waren, dass er sie mit seiner Nase hätte berühren können.
„Willkommen. Willkommen Polly und willkommen Blume.“, sagte er mit tiefer Stimme und legte seine Nase erst auf Pollys, dann auf Blumes Stirn.
„Ihr habt euch tapfer geschlagen, bei der Aufgabe, die ich euch gestellt habe.“
„Was meinst du?“, fragte Polly nach, nachdem sie einen verwirrten Blick mit Blume gewechselt hatte.
„Ich habe zwei meiner Fohlen ausgewählt, die unter Elviras strenger Aufsicht den Weg hierher finden müssen. Diese beiden Fohlen müssen ihren Mut und ihre Ausdauer unter Beweis stellen, über ihren Schatten springen und ihre Ängste bezwingen. Du, Blume, hast nicht aufgegeben, obwohl du am Rande der Erschöpfung warst. Und du Polly, hast deine Furcht vor dem Wasser besiegt. Ihr seid würdig.“ Donner bedachte sie mit einem stolzen Blick, aber Polly kannte sich immer noch nicht aus.

„Wir sind würdig?“, fragte sie nach.
„Ja, Polly. Ihr seid bereit, alles von mir zu lernen, was ich an euch weitergeben kann. Eines Tages in ferner Zukunft werdet ihr beide diese Herde übernehmen und sie leiten, wenn ich nicht mehr bin. Hier, im Donnerland, werdet ich euch all das lehren, was ein guter Führer können und wissen muss.“
Das schwarze und das graue Fohlen machten große Augen. Donners Worte sickerten nur langsam zu ihnen durch und die volle Bedeutung dessen, was er sagte, wurde ihnen erst nach einer Weile bewusst.
„Wir sollen einmal die Herde führen?“, fragte Blume und vergaß völlig ihre Schüchternheit.
„Ja, meine Kleine. Ihr habt das Zeug dazu.“
„Aber wir sind Fohlen! Wer würde schon auf uns hören?“, Polly konnte einfach nicht glauben, was ihr Vater ihnen da erzählte.
„Das wird die Herde, wenn ihr euch als gerechte und kluge Führer erweist. Aber ich bin mir sicher, dass ihr das Zeug dazu habt. Sonst hätte ich euch keineswegs dazu auserwählt“, er lachte und sah Polly durchdringend an.
„Du kennst uns doch gar nicht!“, widersprach Polly erneut.
„Ihr seid beide meine Töchter. In euch fließt mein Blut. Und ich habe euch beobachtet, seit ihr den ersten Laufversuch unternommen habt.“

„Was meinst du?“, murmelte Polly der Freundin zu. Sie beobachteten den stolzen Hengst, ihren Vater, der seinen Blick wieder in die Ferne gerichtet hatte.
„Ich glaube, er könnte Recht haben“, flüsterte Blume zaghaft. „Außerdem ist er unser Vater. Würdest du ihn nicht gerne kennen lernen? Würdest du nicht gerne von ihm lernen?“
Polly nickte und reckte sich hoch, um Donner in die Augen sehen zu können: „Also gut, Vater. Wir werden bei dir bleiben.“
„Da bin ich aber froh“, Donner schmunzelte und deutete ihnen dann, sich neben ihn zu stellen. „Von heute an wird dies hier euer Zuhause sein. Und wenn ihr bereit dafür seit, holen wir auch die Herde hierher und werden sie gemeinsam beschützen, so gut wir können.“

Autor: Steffi