Auf der Suche nach den Eltern, am Weg ins Reich der Eulen

Hör auf dein Herz Boris! Der Baum ist unbewohnt und die Freunde machen sich wieder auf den Weg gegen Norden

Zuerst einmal war es unheimlich still. Der Baum schien sie vor der gesamten Außenwelt abzutrennen. Nicht einmal die laut kreischenden Möwen drangen an ihre Ohren, nur mehr das leise Rascheln der Blätter im Wind und das Knarren der Äste war zu hören.
„Hör auf dein Herz, Boris! Wenn es dir etwas sagt, dann haben sie hier gelebt oder leben immer noch hier!“, flüsterte Wicky leise und sah den Jungadler erwartungsvoll an.
Boris lauschte auf sein Inneres in der Erwartung, dass er es wissen würde, wenn dieser Baum der Richtige wäre. Aber sein Herz schwieg, es pochte zwar laut und schnell vor Aufregung, aber nichts deutete darauf hin, dass hier Adler lebten. „Nein, das ist es nicht“, dachte Boris enttäuscht.
Wicky sah ihren Freund an, woraufhin dieser den Kopf schüttelte. Trotzdem untersuchten sie den Baum genau. Doch mit jedem Ast, der unbewohnt war und mit jedem Flügelschlag, mit dem sie näher an die Spitze des Baumes kamen, wurde Boris klarer, dass dieser Baum unbewohnt war. Erst ziemlich weit oben fand Wicky eine große und geräumige Höhle, die so aussah, als ob einmal große Vögel darin gelebt hatten, doch jetzt war sie unbewohnt und leer. Boris betrat die Höhle vorsichtig und sah sich langsam um. Dann schloss er die Augen und versuchte, sich zu erinnern, ob ihm das vertraut war. Zwar war er damals bei der Amselfamilie geschlüpft, doch war er sich sicher, den Ort zu erkennen, wo seine Eltern gelebt hatten.
„Ich glaube, dass hier schon lange niemand mehr lebt“, sagte Wicky vorsichtig. Boris nickte und die Gewissheit, dass jetzt nur mehr drei Orte blieben, an denen sie seine Eltern finden konnten, stimmte ihn traurig. Was war, wenn sie alle drei übrigen Bäume gesehen hatten und nirgends eine Spur von dem Adlerpaar war, das Boris nie kennen gelernt hatte?
Wicky schien Boris‘ Gedanken zu erraten und sie hüpfte zu ihrem Freund und drückte sich eng an diesen: „Wir werden sie finden!“
Boris nickte langsam, aber sicher war er sich nicht.

Sie machten sie sich wieder auf den Weg, nach Norden diesmal. Der Wald aus Eiszapfen war ihr Ziel. Wicky hatte sich wie üblich die Koordinaten eingeprägt und wusste genau, wohin sie fliegen mussten, während Boris während des Fluges Ausschau nach Gefahren hielt. Zwar war der Weg, den sie einschlugen, ziemlich ungefährlich, aber man konnte ja nie wissen.
Sobald sie das Möwenreich hinter sich gelassen hatten, wurde die Landschaft karger und immer hügeliger. Ein kalter Wind begleitete sie, während sie über ödes Niemandsland flogen. „Das ist der Nordwind! Er ist der gefürchtetste Wind in allen Königreichen, denn er bringt Schnee und Eis, Kälte und Hungersnöte. Unser Ziel liegt ganz weit oben im Norden, wo nur Schnee und Eis die Erde bedecken und wo Königin Sera über die Eulen herrscht. Wenn wir die Schneegrenze erreichen, können wir nur mehr tagsüber fliegen, weil das Reich nachts den Eulen gehört.“ Boris wusste zwar all das schon, aber es tat gut, sich wieder unbeschwert mit Wicky unterhalten zu können, denn im Möwenreich hatten sie leise fliegen müssen.
„Sind die Eulen wirklich so klug, wie es heißt?“, fragte er die kleinere Adlerin.
„Ja! Sie sind sehr belesen und haben die größte Bibliothek überhaupt. Aber das heißt nicht, dass sie sich nicht aufs Kämpfen verstehen. Sie gehen Konfrontationen zwar lieber aus dem Weg und lösen Konflikte ohne Kämpfe, aber wenn jemand ohne Erlaubnis in ihr Revier eindringt und sie beim Jagen stört, können sie sehr angriffslustig werden.“ Boris staunte. Er hatte nicht gewusst, dass Wicky so viel über die anderen Königreiche wusste!
„Woher weißt du so viel?“, fragte er auch gleich nach.
Wicky lachte und rief ihm durch den Wind zu: „Als Kundschafter musst du über alles informiert sein. Ich musste einiges über die übrigen Königreiche lernen, wie man mit jeder einzelnen Gattung umgeht und wie man sich in ihren Reichen verhält, das ist nämlich gar nicht so einfach. Aber ich liebe es, Neues zu entdecken und herauszufinden, das macht mir unheimlich viel Spaß!“
Sie tauschten sich noch eine Weile aus über ihre unterschiedlichen Aufgaben, denn Boris war als Führer einer Flugkampftruppe für einen ganz anderen Aufgabenbereich als Wicky zuständig, dann verstummten sie jedoch bald, als die kalten Winde ihnen unter die Haut krochen und vor ihnen eine erste Schneewolke auftauchte. Sie umflogen die Wolke und erblickten plötzlich vor sich eine weiße Landschaft, das Schneereich der Eulen.

Autor: Steffi