Hoch in den Lüften

In der aktuellen Geschichte von Boris dem kleinen Vogel lernt er endlich fliegen und ein neues Abenteuer beginnt

„Boris, aufwachen!“, die sanfte Stimme weckte den kleinen Vogel. Er blinzelte verschlafen, dann war er mit einem Mal völlig wach.
„Was machen wir heute?“, fragte er Tiara. Sie lachte leise, dann deutete sie mit einer ihren großen Schwingen nach unten.
„Heute lernst du fliegen.“ Boris‘ Schnabel klappte auf. Er sollte fliegen lernen? „Aber wie…?“, fragte er verwirrt. „Mama hat gesagt…“, doch mitten im Satz verstummte er, denn seine Mama war nicht mehr seine Mama.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Tiara ruhig und sah Boris aus ihren gelben, großen Augen an.
„Sie hat gesagt, wir dürfen nicht fliegen. Wir sind noch nicht alt genug, hat sie gesagt.“ Boris schluckte, als er daran dachte, dass er seine Mutter nie wieder sehen würde.
„Auf deine Geschwister trifft das zu, aber du bist anders als sie. Du bist groß genug, um fliegen zu lernen, Boris.“
Mit diesen Worten erhob sich Tiara und schwang sich in die Lüfte. Boris sah ihr atemlos zu, wie sie von einem Luftzug erwischt wurde und sich von diesem hochtragen ließ. Nach wenigen Minuten landete sie wieder im Nest und sah Boris auffordernd an.
„Mach, was dein Herz dir sagt. Lass dich von der Thermik treiben, es kann dir gar nichts passieren. Du hast es im Blut, Boris!“ Tiara nickte ihm zu und wartete dann, was Boris tat. 

Sein Herz raste, als er an den Rand des Nestes trat und einen Moment überlegte er, wie es wohl wäre, hinunter in die Felsen zu stürzen. Zwar kannte er sich mit den grauen Bäumen noch nicht gut aus, doch konnte er von ihr oben genau erkennen, wie scharf und spitz die Felsen waren und wie gefährlich es war, auf den Erdboden zu fallen. Dann spannte er seine kleinen Flügel, die von grauem, unregelmäßigem Gefieder überzogen waren, und flatterte ein paar Mal mit ihnen auf und ab.
„Auf drei. Eins… Zwei… Drei!“, dachte der kleine Vogel dann konzentriert. Als er bei Drei angelangt war, hüpfte er nach vorne und schloss dabei die Augen. Erneut spürte er dieses Gefühl, zu fallen. Doch Tiaras Worte spukten in seinem Kopf umher und er tat, was sie ihm gesagt hatte und ließ seinem Instinkt freie Bahn.
Plötzlich riss er die Augen auf, wie durch ein Wunder bewegten sich seine Flügel auf und ab und er stieß immer höher in die Lüfte. Der Himmel über ihm war so nah, und doch so fern. Die Luft roch frisch und klar, Wind zauste sein Gefieder und ein Glücksgefühl breitete sich in ihm aus. Das war es, wofür er geboren war. Hier in der Luft zu sein war seine wahre Bestimmung.
„Ich fliege!“, rief er laut und lachte auf. Dann war Tiara neben ihm und lachte mit ihm, teilte seine Freude. Hier in den hohen Lüften kam er sich groß vor, und überlegen. Keines seiner Geschwister konnte so schnell und so hoch fliegen, nicht so geschwind aus der Höhe hinabstürzen und sicher sah auch keines seiner Nestgefährten jede Einzelheit auf dem Erdboden so wie er.
„Und jetzt zeige ich dir den Wald und den Fluss!“, rief Tiara ihm zu und legte im gleichen Moment die Flügel an, sodass sie blitzschnell nach vorne schoss. Boris kam leicht ins Trudeln, als er es ihr nachtat, doch aufgrund seiner Leichtigkeit trug ihn der Wind schneller vorwärts als Tiara, sodass er sie bald wieder eingeholt hatte.
Tiara wandte sich zur Seite und sah ihn an: „Die Welt liegt uns zu Füßen, Boris. Wir sind die Herrscher der Lüfte!“

Autor: Steffi