Das fünfte Ei

Eigentlich hätte das Ausbrüten wie immer sein sollen, aber dann passierte beim fünften Ei das unvorhergesehene...

Seit Tagen hütete Elfie ihre Eier nun schon. Es war das erste Mal, dass sie Eier gelegt hatte, deshalb war sie besonders stolz auf die fünf großen, runden Eier. Immer wieder kamen befreundete Waldvögel vorbei, bestaunten die Eier und gratulierten Elfie und ihrem Gefährten Ralf. Ralf brachte Elfie immer Würmer, da sie nicht wegkonnte und ihre Eier alleine lassen konnte. Auch an diesem Morgen war Ralf schon bald losgeflogen und Elfie passte sorgfältig auf, dass niemand ihrem Nest zu nahe kam. Das war auch eigentlich gar nicht so schwer, denn das Amselpaar bewohnte einen sehr weit oben gelegenen Ast und fast alle ihre Nachbarn hatten die Nester ein Stück weiter unten. Das machte Elfie und Ralf aber gar nichts aus, im Gegenteil, sie genossen die Ruhe. Es würde die letzte Zeit der Zweisamkeit sein, denn wenn die Küken erst einmal geschlüpft waren, gab es so etwas wie Ruhe nicht mehr.
Elfie spürte es sofort, als sich an diesem Morgen eines der Eier bewegte. Sie erstarrte und spähte dann vorsichtig unter sich, um zu erkennen, welches Ei das war. Wie sie schon vermutet hatte, war es das große Ei mit den schwarzen Sprenkeln. Elfie konnte es nicht sagen, aber sie hatte schon das Gefühl gehabt, dass dieses Küken zuerst schlüpfen würde. Aber dass es jetzt schon soweit war?
„Unsere Küken sind die ersten vom ganzen Baum!“, dachte Elfie stolz und beobachtete dann gespannt, was weiter geschah. Kurz überkam sie Angst, denn Ralf war immer noch nicht wieder zurück. Was sollte sie tun, wenn das Küken Hungerschrie?
Langsam, nur allmählich sprang das Ei auf, zuerst war da nur ein kleiner Riss, der immer größer wurde und schließlich steckte sich ein kleiner Schnabel hindurch.
„Hallo, mein Schatz!“, flüsterte Elfie dem Kleinen zärtlich zu. Es hatte etwas verklebtes, graues und weiches Gefieder, große Augen und einen kleinen, süßen Schnabel.

Nach und nach schlüpften auch die übrigen Küken aus den Eiern, nur das fünfte, erheblich kleinere Ei blieb noch verschlossen. Während Elfie über dem letzten Ei brütete und mit den Flügeln die übrigen vier Küken beisammen hielt, nahm Ralf die Glückwünsch ihrer Nachbarn und Freunde entgegen. Tatsächlich waren ihre Küken die allerersten der gesamten Nachbarschaft und das musste gefeiert werden. Nur Elfie schloss sich nicht den Feierlichkeiten an, sie behütete ihre Kleinen und gab auf das fünfte Ei Acht. Dabei überlegte sie sich auch gleich Namen für die vier Küken. Das Graue, welches als erstes geboren worden war, sollte Frieda heißen, während das dunkelgraue Merle und das schwarze Küken Lui hieß. Das vierte Küken, ein großes, graues Etwas mit dunkleren Punkten und Flecken bekam den Namen Emil.
Wenige Tage nach dem Schlüpfen seiner Geschwister, arbeitete sich auch das letzte Junge aus dem Ei heraus. Aber als es den Schnabel durch die Eierschale steckte, fiel Elfie vor Schreck fast aus dem Nest. Ihr fünftes Junges, sah völlig anders aus wie seine Geschwister. Es war hager und zerzaust, hatte braunes Gefieder und war von der Statur her viel kleiner und schlaksiger. Das war keine Amsel. Aber wie hätte ein fremdes Ei in ihr Nest kommen sollen? Elfie war ratlos und überlegte bereits, was sie mit dem Küken anstellen sollte, da stieß es plötzlich ein leises, schüchternes Piepsen aus und sofort erreichte es damit das Herz der Vogelmutter.
Auch wenn es nicht ihr Ei gewesen war, sie hatte es ausgebrütet und würde es aufziehen und lieben wie seine echte Mutter. „Boris“, flüsterte sie dem Kleinen ins Ohr und schubste es sanft zu den übrigen, schlafenden Küken hinüber.

Autor: Steffi