Der erste Flugversuch

Boris wagt den ersten Flugversuch aus seinem Nest und bekommt unerwartet Hilfe

In der nächsten Nacht konnte Boris nicht schlafen. Den ganzen Tag lang war Tante Ella von dem Ast ein Stockwerk unter ihnen zu Besuch gewesen, gemeinsam mit ihren drei Küken Jana, Jessica und Jody. Dabei war es rund gegangen, denn Boris‘ Geschwister hatten die andere Küken noch nicht kennen gelernt. Sie hatten den ganzen Tag geschnattert und mit ihren kurzen Flügelchen geschlagen, während ihr grauer Bruder sich aus ihrem Blickfeld gehalten hatte und sich vor den Nachbarn versteckt hatte.
Deshalb genoss Boris jetzt die stille Nachtluft, während er sich überlegte, wie er am besten so schnell wie möglich auf den Waldboden gelangen konnte. Er hatte oft gesehen, wie seine Eltern flogen, aber er selbst hatte es noch nicht ausprobiert. Konnte er es schon wagen? Zwar hatte Mama Elfie ihre Jungen unzählige Male ermahnt, nicht aus dem Nest zu fallen und schon gar nicht zu fliegen ehe sie bereit dazu waren. Boris schüttelte den Kopf. Es war gewiss nicht weit bis nach unten. „Schaden kann’s nicht“, murmelte Boris und schloss die Augen. Dann sprang er und streckte seine Flügel zur Seite aus. Es war ein merkwürdiges Gefühl, denn unter ihm war nichts, nur die schwarze Nachtluft. Boris schlug mit den Flügeln, aber es passierte nichts. Er versuchte, sich zu erinnern, wie seine Eltern das anstellten, aber da begannen seine Flügel, heftig zu ziehen. Sofort riss Boris die Augen auf, zog seine Flügel ein wenig ein, doch das hatte nur zur Folge, dass er sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte und unkontrolliert nach links und rechts kippte.
Das Herz schlug dem kleinen Vogel bis zum Hals, während er immer schneller wurde und sich in der Luft überschlug. Er begann, lauthals zu schreien und um Hilfe zu rufen, aber keine Laute drangen aus seinen Schnabel. Boris konnte nicht mehr tun, als seine Augen zu schließen und zu warten, bis es vorbei war. 

Als Boris die Augen wieder öffnete, stellte er verwundert fest, dass er keineswegs auf einem festen Untergrund lag, der weich und warm war, sondern in einem seltsam harten Ding gefangen war, das sich auf und ab bewegte. „Wo bin ich?“, fragte er leise. Dies konnte nicht der Waldboden sein! In diesem Moment ging Boris ein Licht auf. Der Wind, der vorbeizischte, die immer gleichen, rhythmischen Bewegungen, die Geräusche der Flügel… Er flog!
„In Sicherheit!“, die gemurmelte Stimme kam von irgendwoher und überall, sie klang scharf und hart, hatte aber etwas Sicheres in seiner Stimme.
„Wohin bringst du mich?“
„Zu meinem Nest.“ Offenbar hatte der Vogel, in dessen Schnabel Boris steckte, nicht großes Interesse, zu reden. So schloss Boris wieder seine Augen und bewegte sich ein wenig, um bequemer zu liegen. Langsam wurde er müde, denn wieder hatte er in dieser Nacht noch nichts geschlafen.
So bekam der kleine Vogel nicht mehr mit, wie sie auf einem hohen Baum landeten, und wie er sanft hinein gelegt wurde. Einmal öffnete er ein Auge, als sich der große Vogel neben ihn legte und ihn mit seinen Flügeln zudeckte, dann fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

Autor: Steffi