Der ewige Winter

Der dichte Schnee hindert unsere Freunde am weiterfliegen und zwingt unsere beiden Adler einen Landeplatz zu suchen

Der Wind war das einzige Geräusch, welches zu hören war. Boris fühlte sich merkwürdig, so als wäre er gefangen in einer Kugel aus weißem Schnee und wirbelnden Flocken. Diese tanzten um die beiden Adler herum, nahmen ihnen die Sicht und legten sich auf die Gefieder der zwei. Für Boris war das ein verwirrendes Gefühl, durch das Schneetreiben zu fliegen. Zwar gab es auch zuhause im Adlerreich einen Winter und Boris hatte schon zwei selbst miterlebt, allerdings schneite es bei ihnen bei Weitem nicht so viel und wenn doch, dann verbrachten die Adler die Tage meistens im Inneren ihrer Höhlen, kuschelten sich aneinander und erzählten sich Geschichten über König Errich und Königin Asche oder über die alten, vergangenen Zeiten.
Für Wicky war der dauernde Winter, der hier im äußersten Norden das tägliche Leben bestimmte, noch ungewohnter. Als Madagaskarseeadler kam seine kleine Gefährtin aus dem Süden, wo kein Schnee jemals vom Himmel fiel und der Wind nur warme Luft mit sich brachte und keine Eiseskälte wie hier. Wicky hatte erst einen Winter hinter sich und dieser war für ihre Verhältnisse sehr mild und mit nur wenig Schneefall gewesen. Zwar hatte sie einiges über den Winter gelernt und als Kundschafterin musste sie einige theoretische Erfahrung damit haben, wie man sich im Winterwald verhielt, aber hier plötzlich inmitten eines Schneetreibens zu sein war doch etwas ganz anderes.

„Boris, ich kann nicht mehr!“, rief Wicky nach einiger Zeit, gerade als Boris anfing, sich nach einem geeigneten Landeplatz umzuschauen. Der größere Seeadler blinzelte und versuchte, durch das Schneetreiben etwas zu erkennen. Er konnte selbst seine Freundin nur mehr als verschwommenen Umriss erkennen, obwohl sie dicht neben ihm flog, und nickte daher. Wenn sie nicht sahen, wo sie hinflogen, machte es keinen Sinn. Lieber hielten sie ein ausgedehntes Schläfchen, wärmten ihre nassen, schweren Flügel und flogen am nächsten Tag weiter.
„Du hast Recht, es ist unmöglich, weiterzufliegen. Außerdem wird es sowieso bald dunkel werden!“, rief Boris gegen den Wind an. Wicky hielt sich dicht an Boris, als dieser langsam in einen Sinkflug ging und dabei verzweifelt die Schneeflocken aus seinen Augen blinzelte, um wenigstens zu erkennen, wo sie landen konnten. Doch das war gar nicht so einfach, denn die Welt unter ihnen war einheitlich weiß und nichts hob sich dagegen ab. Erst, als die beiden schon dicht über dem Boden waren, sah Boris plötzlich eine Silhouette die sich vom Boden abhob. Als er noch näher kam, erkannte er, dass es eine über und über mit Schnee bedeckte Fichte war. Er wollte seinen Fund gerade Wicky erzählen, doch die hatte die Fichte offenbar schon gesehen, denn sie steuerte direkt darauf zu. „Abbremsen!“, dachte Boris besorgt, doch es war schon zu spät.
Wicky krachte gegen die Wand aus Schnee, verschwand im Baum und ließ nur einen tiefgrünen Fleck im weißen Winterland zurück. Besorgt schlug Boris zweimal mit den Flügeln und hatte die Stelle schon erreicht. Er ließ sich vorsichtig auf dem instabilen Ast nieder und spähte den Stamm hinunter, doch von Wicky war keine Spur.
„Wicky? Bist du okay?“, rief er besorgt und balancierte langsam den Ast bis zum Stamm entlang. Er hatte kaum Interesse für die merkwürdige Beschaffenheit es Baumes, denn der Schnee umhüllte alles wie eine Kuppel und ließ im Inneren einen geräumigen Hohlraum, der für dutzende Adler genug Platz bot.
„Wicky?“, erneut rief Boris nach der Adlerin, denn jetzt machte er sich schon echte Sorgen. Er hüpfte auf den nächstniedrigeren Ast und von da immer tiefer, bis er sie, völlig mit Schnee bedeckt und heftig atmend, weiter unter ihm erblickte.
Wicky zitterte und bibberte vor Kälte, als sie den Schnee abschüttelte. Rasch war Boris bei ihr angekommen und legte schützend einen großen Flügel um sie. Die Kleinere schloss die Augen und genoss die Wärme, und so aneinander geschmiegt verharrten sie und schliefen bald ein.

Autor: Steffi