Die Reise unserer Adler geht weiter zum Eiszapfenwald

Unsere Gefährten fliegn in Begleitung der Eulen zum Eiszapfenwald, um die Suche nach den Eltern fortzusetzen

Keine der Wachen sprach ein Wort während sie durch die klare Nacht flogen. Boris fühlte sich unwohl, denn die weißen Eulen flogen eng um sie herum und ließen ihn fast keinen Platz um die Flügel zu schlagen – wie in einem Käfig kam der junge Adler sich vor. Er wusste, dass sich auch Wicky unwohl fühlte, dennoch schwiegen die beiden, wie auch ihre Wächter. Die Eulen, die um sie herum schwirrten, blickten meist neugierig, oft auch nicht begeistert auf die Adler und viele folgten ihnen in einigem Abstand, sodass bald eine große Schar weißer Eulen den Adlern und ihrem Begleitschutz folgten.
Boris merkte, wie er langsam müde wurde, doch der Gedanke an seine Eltern hielt ihn wach. Wie konnten sie es bloß aushalten, hier umgeben von so vielen Eulen? Wenn man sie genauso behandelte wie Wicky und ihn dann konnte das doch kein schönes Leben sein. Oder sie fühlten sich wohl unter den Eulen und hatten schon ihre Gewohnheiten übernommen. Boris wusste, dass es albern war, und doch stieg in seinem Kopf ein Bild von einem Adlerpaar auf, dass zwar noch aussah wie echte Adler, jedoch weiße Federn und große Eulenaugen hatte und lautlos durch eine dunkle Winternacht flog. „Mach dir nicht zu viele Gedanken!“, raunte Wicky ihrem Freund zu, als hätte sie gespürt, wie er sich angespannt hatte. Boris wandte ihr den Kopf zu, sagte aber nichts mehr, da einige ihrer Begleiter die Ohren gespitzt hatten und er nicht wollte, dass die Eulen von seinen Ängsten etwas mitbekommen würden. 

Es dauerte jetzt nicht mehr lange, dann wurde die Formation langsamer und steuerte eine scharfe Kurve um einen Baum an. Sie flogen tiefer und plötzlich wieder schneller, dann folgte eine Reihe Kurven und Ausweichmanöver um große Tannen herum, sodass die beiden Adler in der Mitte Mühe hatten, bei diesen Manövern mitzuhalten. Boris fragte sich gerade, wann sie wohl den Wald aus Eiszapfen erreichen würden, da ging es vor ihnen plötzlich steil bergab, in eine plötzlich aufklaffende Schlucht hinein, die sich riesig vor ihnen erstreckte. Doch die Schlucht war nicht das einzig faszinierte, denn die Schlucht war gefüllt mit einem Tannenwald – doch keinem gewöhnlichen. Nein, die Tannen hatten keine normale, grüne Farbe, sondern waren von einer dicken Eis und Schneeschicht überzogen, sodass nur ein Hauch von Grün durchschimmerte. Der Mond bestrahlte den Wald so, dass das Eis schimmerte und es tatsächlich wie tausende riesige Eiszapfen aussah. Boris staunte nur, hatte er doch gedacht, dass der Name „Eiszapfenwald“ nichts mit dem Aussehen des Waldes zu tun hatte. Die Eulen wussten offenbar genau, wohin sie wollten, denn sie flogen hinab, direkt in den merkwürdigen Wald hinein. Kaum waren sie in der Schlucht angelangt, empfing sie ein eisiger Wind, der Schnee mit sich trieb und Boris und Wicky schauern ließ. Kein Wunder, dass alle Bäume vereist waren, wen so ein starker, kalter Wind hier ständig ging!
„Sonia, Anso?“, die Wache an der Spitze der Eulen rief mit tiefer Stimme nach dem Adlerpaar, woraufhin Boris‘ Herz wie wild zu klopfen anfing. Die Formation verharrte mitten in der Luft, gab es hier doch keine geeigneten Landeplätze. Der Wind trug die beiden Wörter weiter und dutzende, leise Echos ertönten von allen Ecken. Dann breitete sich wieder Stille aus, nur das Schlagen der Flügel und das Zischen des Windes waren zu hören. Boris lauschte angestrengt und schlug aufgeregt und nervös viel lauter mit den Flügeln als alle anderen Vögel, was ihn aber nicht kümmerte. Vielleicht würden jetzt seine Eltern kommen. Doch wenn es so war, würde er es dann merken? Würden sie ihn erkennen, obwohl sie ihn noch nie gesehen hatten? Wohl kaum, aber er hatte sie genauso wenig gesehen, woher sollte er also wissen, ob sie es waren?
Während ihm diese Fragen durch den Kopf schwirrten und das Bild der eulenhaften Adler erneut vor seinen Augen erschien, erklang plötzlich ein neues Geräusch. Es waren Flügelschläge, die sich schnell näherten und dann tauchten vor ihnen langsam zwei Gestalten aus, schummrig und in dem dunkel schwierig zu erkennen. Nur ihre gelben Augen funkelten im Dunkeln, als sie bald nahe genug waren, um die Eulen und die zwei Jungadler in der Mitte zu sehen.
Ein lauter Aufschrei ertönte, gefolgt von einem freudigen, tiefen Summen: „Wir wussten es!“

Autor: Steffi