Die kleine Katze Beere

Lesen Sie die Abenteuer der kleinen Katze Beere als Fortsetzungs-Tiergeschichte:

„Beere?“  Obwohl ihr Name nur ganz leise miaut wurde, fuhr die angesprochene Katze mit einem Ruck aus dem Schlaf hoch. Vor Schreck sprang sie einen gewaltigen Satz rückwärts, wobei sie mit einer Pfote in die mit Milch gefüllte Schale trat und die weiße Flüssigkeit über den ganzen Boden spritzte. Dann blinzelte sie und erkannte erst jetzt, dass es kein anderer als ihr Freund Tiger war, der sie amüsiert betrachtete. Unwillig fauchte die kleine Katze mit dem roten Fell und tappte dann vorsichtig aus der verschütteten Milch. Angewidert setzte sie sich auf ihre Pfoten und begann, sich den nassen und klebrigen Pelz zu waschen.

„Was ist denn so wichtig, dass du mich nicht in Frieden lassen kannst, wenn ich schlafe?“, fragte sie etwas unwillig und sah den getigerten Kater an, der unruhig mit dem Schwanz schlug.

„Ich muss dir etwas zeigen!“, erklärte dieser geheimnisvoll und deutete ihr mit einem Schwanzschnippen, ihm zu folgen. Jetzt doch neugierig geworden, erhob sich Beere und folgte dem Freund durch ihre Klappe hinaus aus dem Nest ihrer Zweibeiner, die ihr jeden Morgen und Abend Futter und Milch gaben und sie manchmal auch hochnahmen, streichelten oder mit ihr spielten. Das helle Licht der Sonne, die gerade ihre ersten warmen Strahlen in den Garten von Beere schickte, blendete die Katze, doch Tiger ließ ihr keine Zeit, sich daran zu gewöhnen, sondern sprang mit einem Satz auf den Apfelbaum und balancierte von dort aus auf dem schmalen Zaun, der die Grenze von Beeres Territorium bildete. Dahinter war bisher ein riesiges Nest von Zweibeinern gewesen, die ein Monstrum von Hund hatten, doch jetzt stockte Beere der Atem, als sie Tiger gefolgt war. Ein gelbes Zweibeinerding stand dort, ragte hoch in den Himmel auf und hatte offenbar zusammen mit einigen Artgenossen das große Nest zerstört, denn dort wo es gelegen hatte, war jetzt nur mein Geröll und die merkwürdigen Zweibeinerdinge.  Aber was Beere am meisten faszinierte, war das, was dahinter lag. Bäume, wohin sie nur blickte! Eine dichte Wand aus Bäumen und kein Pfad, der hinein oder hinausführte. Beere hatte noch nie in ihrem Leben so viele Bäume gesehen und so riss sie vor Staunen das Maul weit auf.

„Die Zweibeinerdinge haben gestern angefangen, Lärm zu machen, aber du hast so tief geschlafen, dass du nichts mitbekommen hast“, erklärte Tiger aufgeregt. „Jetzt können wir endlich den Wald dahinter erforschen!“ Beere wusste, dass es der größte Wunsch ihres Freundes war, das Land hinter ihrem Zweibeinerort zu entdecken. Bis jetzt waren sie noch nie an diesem Nest vorbeigekommen, da der gigantische Hund sie immer vertrieben hatte. Schon oft hatten sie es versucht, aber egal ob nachts oder tagsüber, immer wartete der Hund auf sie, begann laut zu kläffen und kam auf sie zugelaufen, die Lefzen gebleckt und Schaum im Maul. Tiger hatte sich einmal auf einen Kampf mit ihm eingelassen, und musste danach fast einen Mond lang im Nest seiner Zweibeiner bleiben. Aber jetzt lag der geheimnisvolle Wald endlich offen vor ihnen, bereit, erforscht zu werden.

„Wenn wir jetzt gleich losgehen, können wir zu Sonnenuntergang wieder hier sein“, miaute Tiger und sah sie drängend an. Beere überlegte kurz, dann sah sie den hoffnungsvollen und abenteuerlustigen Ausdruck in den bernsteinfarbenen Augen ihres Freundes und nickte ergeben. Immerhin war auch sie neugierig auf die Abenteuer, die dort im Wald auf sie lauerten.

Das verlorene Junge

„Dort vorne ist eine Lichtung!“, miaute Tiger und deutete mit dem Schwanz nach vorne. Seine Gefährtin beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten und  tatsächlich öffnete sich der Wald nach nur wenigen Schritten und der harte Boden unter ihnen wurde weicher und moosbewachsen. Die Bäume bildeten einen weitläufigen Kreis um sie und die Sonne blinzelte hinter einer Baumkrone hervor. Es war ein schöner Ort, voll von den unterschiedlichsten Gerüchen. Beere, die noch nie in einem Wald gewesen war, konnte viele Tiere und Pflanzen riechen und erkannte fast keinen einzigen Geruch.

Jetzt jedoch wurden alle Gerüche von etwas Starkem und Kräftigem überlagert. Eine scharfe Duftspur, frisch und unbekannt. Beere sah ihren Freund an, der mit einem Mal große Augen machte und instinktiv das Nackenfell sträubte. Irgendetwas war hinter ihr, deshalb drehte sich Beere vorsichtig um und sah sich einem hellroten Tier gegenüber. Es war um einiges größer als die beiden Katzen und sah mit der langen, spitzen Schnauze, den riesigen Ohren und den schwarzen Knopfaugen, die kampfbereit funkelten, sehr gefährlich aus. Der buschige, lange Schwanz des Tieres  schlug irritiert angesichts der Eindringlinge hin und her. 

Tiger ging sofort in Angriffshaltung, doch Beere zögerte. Irgendetwas an dem Tier stimmte sie nachdenklich. Es war ein Weibchen, und ein leichter Milchgeruch ging von ihr aus, überdeckt von etwas, das nach Verzweiflung und Angst roch. Mit einem Mal fragte sich Beere, wovor so ein gefährliches Tier Angst haben könnte.

„Tiger, warte!“, flüsterte sie ihrem Freund zu, dessen Krallen ausgefahren waren und bereit, sich in das rote Fell des Feindes zu bohren. „Sie hat Junge und Angst! Vielleicht ist kämpfen nicht der richtige Weg!“, drängte Beere. Doch der getigerte Kater knurrte nur und bevor Beere etwas dagegen unternehmen konnte, hatte er sich auf das Tier gestürzt. Tiger landete auf ihr und riss ihr sogleich einige rote Fellbüschel aus, dann schaffte es das Weibchen, ihn von sich zu werfen und fauchte wütend, während es langsam auf den am Boden liegenden Tiger zutrat.

„Stopp! Hört auf! Tiger, lass sie in Ruhe, sie hat Junge!“, rief Beere und sprang mit einem Satz zwischen die Beiden.
„Woher weißt du das?“, fauchte das rote Ding mit etwas abgehakter, zischender Stimme.
„Ich rieche es!“, gab Beere verlegen zu. Sofort entspannte sich ihr Gegenüber und ließ den Kopf traurig hängen. Hinter sich spürte die Katze, dass Tiger sich langsam aufrichtete.
„Ich hatte zwei Junge. Sie sind mir gestohlen worden…“
„Wer würde kleine Junge stehlen?“, fragte Beere entsetzt.
„Mein ehemaliger Gefährte. Er tut alles, um mir wehzutun. Ich suche sie schon seit Tagen, aber ich kann keine Spur von ihnen finden. Und übrigens bin ich eine Füchsin, Langohr ist mein Name.“
„Ich bin Beere und das ist Tiger. Wir sind von dem Ort, wo die Felllosen leben. Können wir dir irgendwie helfen?“
„Für meine Jungen gibt es keine Hoffnung mehr…“, mutlos wandte sich Langohr ab und trottete davon.
„Warte! Es tut mir Leid, dass ich dich angegriffen habe. Wir können dir suchen helfen. Zu dritt ist es besser als alleine!“, völlig überrascht sah Beere ihren Freund an. Der schien selbst etwas verwirrt von seinem Vorschlag zu sein, aber er sah Langohr fragend an. Die wirkte erfreut und nickte dankbar.
„Das würdet ihr tun? Es wäre wunderbar!“, sie seufzte leise.
„Dann ist es abgemacht, morgen fangen wir an!“

Auf der Suche

Am nächsten Morgen wachte Beere schon früh auf. Vorsichtig, um Tiger nicht zu wecken, schlüpfte sie aus dem Dickicht, in dem die zwei Katzen übernachtet hatten und genoss die morgendlichen Strahlen der Sonne auf ihrem Pelz. Ihr Blick fiel auf die zusammengerollte Füchsin, die jetzt ebenfalls die Augen aufschlug. Heute würden sie mit der Suche nach ihren verlorenen Jungen beginnen, nur wo sollten sie anfangen? Auch Tiger regte sich nun und streckte sich erst einige Male, ehe er zu ihnen trat und dieselbe Frage laut aussprach, die sich Beere gerade gestellt hatte.
„Mein ehemaliger Gefährte, Schlitzohr, ist bei allen Tieren im Wald bekannt. Wir sollten also Tiere nach ihm fragen, die ihn kennen könnten“, erklärte Langohr. Ihre neuen Kameraden nickten und sahen sie auffordernd an, bis sie in eine Richtung deutete und vorneweg lief. Die kleine rote Katze musste sich anstrengen, um mit dem Tempo der Füchsin mithalten zu können.

„Zwei Katzen und ein Fuchs sehe ich!“, die hohe, klare Stimme ließ alle drei überrascht innehalten. Beere sah sich um, doch sie konnte nirgends jemanden entdecken.
„Ob das gut geht, frag ich mich. Was sie wohl treiben, will ich wissen!“
„Wer ist da?“, fragte Tiger laut. Langsam kam auf einem Ast, hoch über ihnen, ein kleiner, brauner Vogle zum Vorschein.
„Wie ich heiße, wollen sie wissen. Namen sind nichtssagend, denke ich. Aber haben tu ich trotzdem einen. Flitzer nennt man mich.“, erklärte der kleine Vogel und hüpfte fröhlich auf seinem Ast umher.
„Hast du einen anderen Fuchs hier vorbeikommen sehen?“, fragte Langohr sofort.
„Sie fragen, was ich gesehen habe. Unhöflich sind sie, wo ich ihnen doch so nett und freundlich meinen Namen gesagt habe…“, der Vogel schüttelte sein Gefieder und wirkte verärgert.
„Ich bin Beere, und das sind Tiger und Langohr. Wir sind auf der Suche nach einem Fuchs, der die Jungen von Langohr gestohlen hat!“, Beere versuchte, so freundlich wie möglich zu klingen und sah hoch zu dem kleinen Tier.
„Schon besser, finde ich. Nachdenken muss ich, aber gesehen habe ich einen Fuchs. Vor drei Tagen ist er hier vorbei gekommen, einen roten, buschigen Schwanz hatte er und gleich verkrochen habe ich mich, als ich ihn gesehen habe. Aber mindestens ein rotes Fellbüschel war bei ihm, glaube ich. Vielleicht auch zwei, das weiß ich nicht. Sie sind Richtung Bach gegangen, meine ich.“
„Wie sah der Fuchs genau aus?“, wollte Langohr noch wissen.
„Sie fragen komische Sachen, da muss ich lachen. Ein Fuchs war es, rotes Fell, lange Schnauze, buschiger Schwanz“, Flitzer schüttelte den Kopf und begutachtete die drei Gestalten unter ihm.
„Vielen Dank, Flitzer, du hast uns sehr geholfen!“, erwiderte Beere schnell, ehe Langohr den Vogel noch mehr verärgern konnte. Flitzer neigte den Kopf und sah den dreien nach, die in die Richtung liefen, in der sie das ferne Rauschen eines Baches vermuteten.
„Na bitte, jetzt wissen wir doch schon mehr. Vor drei Tagen war Schlitzohr hier, er war in Richtung Bach unterwegs. Das ist doch schon was!“, Beere knuffte Langohr freundschaftlich in die Schulter. Doch die ließ immer noch den Kopf hängen.
„Langohr, wir werden deine Jungen finden, das haben wir dir versprochen!“, miaute Tiger auf Langohrs anderer Seite und Entschlossenheit flammte in seinen Augen auf.

Abenteuer am Fluss

Die drei Gefährten rannten schneller, immer schneller liefen sie Seite an Seite. Das ferne Rauschen des Baches, das stetig näher kam, beflügelte  und trieb sie vorwärts, während sich die Abenddämmerung allmählich über den Wald senkte.
„Beeilt euch, wir wollen den Bach noch vor dem Einbruch der Nacht erreichen!“, drängte Tiger und setzte sich an die Spitze. Leichtfüßig sprang er über niedrige Büsche und Äste, doch Beere konnte schon langsam nicht mehr. Ihre Pfoten schmerzten und die Kehle brannte ihr, doch gerade als sie um eine Pause beten wollte, sah sie weiter vorne ein blaues Blitzen. Tiger lief genau darauf zu und Beere nahm ihre letzten Kraftreserven zusammen und folgte dem Kater und der Füchsin.
Der Bach war in Wirklichkeit ein breiter, seichter Fluss, der dank der heftigen Regenfälle der letzten Tage Hochwasser führte. Er schäumte und weit und breit war kein Baumstamm oder etwas anderes zu sehen, mit dessen Hilfe sie den Fluss überqueren konnten.
„Ich kann Schlitzohr oder meine jungen nicht riechen, der Geruch des Wassers ist zu stark!“, erklärte Langohr und hob die Schnauze hoch in die Luft. „Sicherlich haben sie die Seite gewechselt, denn vor drei Tagen hatte der Fluss viel weniger Wasser geführt“, fügte sie hinzu.

„Da schwimmen sogar Fische im Wasser“, stellte Tiger verblüfft fest. Beere  trat zu ihm ans Ufer und sah in die blauen Fluten. Tatsächlich konnte sie im Wasser schwarze Schatten erkennen, die blitzschnell umher schwammen.
Plötzlich war ein lautes Platschen zu hören: Langohr hatte sich in den Fluss gleiten lassen. Einen Moment lang war sie verschwunden, dann tauchte ihr hellroter Kopf wieder auf und sie begann, mit kräftigen Bewegungen an das andere Ufer zu strampeln.
„Müssen wir wirklich…?“, fragte Beere. Sie hatte nie gelernt, zu schwimmen, und zitterte schon bei dem Gedanken daran. Es sah zwar nicht schwer aus, aber wenn sich ihr Pelz mit Wasser vollsog und sie nach unter zog…
„Bleib dicht bei mir, ich pass auf dich auf!“, Tiger drückte sich kurz an sie, dann sprang auch er in die Fluten. Beeres Herz klopfte rasend schnell, als sie ihm zögernd nachsprang. Sie ging sofort unter und bemerkte, wie ihr Pelz das Wasser aufnahm. Wie wild strampelte sie mit den Beinen und schaffte es, den Kopf für eine Sekunde aus dem Wasser zu strecken, um keuchend Luft zu holen, dann ging sie erneut unter. Im dunklen Wasser konnte sie nichts sehen und wusste nicht, in welche Richtung sie schwimmen musste, deshalb strampelte sie einfach drauflos und kämpfte sich erneut an die Oberfläche. Doch als sie nach Atem rang, schwappte eine Welle über ihr zusammen und sie schluckte Wasser. Hustend verbrauchte sie das letzte bisschen Luft und wurde nach unten gezogen. „Es ist aus“, dachte sie. Sie hatte keine Kraft mehr, um weiter zu kämpfen, ihr langer Pelz war zu schwer.
Jäh spürte sie etwas Scharfes in ihrem Nacken und plötzlich wurde sie nach oben gewirbelt. Ihr Kopf durchbrach die Wasseroberfläche und sie konnte kühle, saubere Luft einatmen. Aus den Augenwinkeln sah sie einen gestreiften Kopf, Tiger hatte sie im Nacken gepackt und hielt sie über Wasser. Er hatte den Dreh raus und bald schon erreichten sie das andere Ufer. Erschöpft ließ Tiger seine Freundin los und beide plumpsten ins Gras, wo sie liegen blieben.
„Ich würde sage, wir bleiben hier und reisen morgen weiter“, verkündete Langohr und legte sich ebenfalls entkräftet zu den beiden anderen fallen, wo sie alle drei auf der Stelle einschliefen.

Willi und die Fische

Beere wurde am nächsten Tag von einem stetigen Platschen geweckt. Zuerst dachte sie, es regnete, doch ihr Pelz fühlte sich warm und trocken an. Doch das platschende Geräusch wollte einfach nicht aufhören. Irgendwann reichte es der rostbraunen Katze und sie öffnete genervt ein Auge. Die Sonne blendete sie und es dauerte eine kleine Weile, bis sie wirklich wach war. Dann sah sie sich um, um herauszufinden, woher das merkwürdige Geräusch kam. Eine graue, flauschige Fellkugel sah am Ufer des Flusses. Neugierig trat Beere zu dem ihr unbekannten Tier. Es hatte einen langen, gestreiften Schwanz, lange Ohren und einen schwarzen Fleck um der Nase. Die langen Finger tauchte es immer wieder ins Wasser. Während Beere den Grauen beobachtete, holte er einen glitschigen Fisch aus dem Wasser und tötete ihn mit einem schnellen Biss.
„Was machst du da?“, fragte die rostbraune Kätzin interessiert und trat ans Wasser.
„Ich fange Fische!“, erklärte das Tier und blinzelte sie freundlich an. „Ich bin übrigens Waschbär Willi und wie heißt du?“


„Ich bin Beere und das sind meine Freunde Tiger und Langohr. Wie fängt man Fische?“ Beere ließ sich neben dem Waschbären nieder und beobachtete ihn scharf. Da ihre Gefährten noch schliefen, konnte sie sich vor dem Weiterreisen noch mit Willi unterhalten und vielleicht das ein oder andere von ihm lernen.
„Also, du musst dich so hinsetzen, dass dein Schatten nicht aufs Wasser fällt und dann wartest du.“, der graue Waschbär sah sie an und lächelte. Beere dagegen war gar nicht zufrieden. Sie hasste es zu warten und hatte überhaupt keine Geduld dazu.
„Einfach warten?“, fragte sie deshalb noch einmal nach.
„Solange, bis du einen Fisch siehst. Und dann fährst du mit deiner Pfote schnell hinein, machst eine Schaufel und holst ihn hinaus. Aber du musst schnell sein, Fische sind sehr glitschig!“
Nach kurzer Zeit entdeckte Beere einen dunklen Schatten unter der Wasseroberfläche und ohne nachzudenken, stieß sie ihre Pfoten ins Wasser. Als sie sie wieder herausholte, strampelte ein kleiner, dunkler Fisch in ihrer Pfote. Bevor sie etwas dagegen tun konnte, entglitt ihr der Fisch und tauchte wieder zurück ins Wasser.

„Mir reicht’s!“, erklärte Beere etwas säuerlich nach dem vierten, missglückten Versuch. Willi blinzelte sie freundlich an und lachte kehlig.
„Übung macht den Meister!“
In diesem Moment wachten Tiger und Langohr auf. Als Tiger den Waschbären sah, sträubte er sein Fell und fauchte, bis Beere sie einander vorstellte.
„Kommst du mit?“, fragte Langohr misstrauisch und ihre Ohren zuckten.
„Wohin mit?“, fragte Willi neugierig.
„Wir suchen meine gestohlenen Jungen. Du hast sie nicht zufällig gesehen, oder?“, Langohrs Stimme war jetzt hoffnungsvoll.
„Einen ausgewachsenen Fuchs mit zwei kleinen Jungen im Schlepptau?“, fragte der Waschbär Willi langsam.
Die zwei Katzen und die Füchse nickten hastig, und der Waschbär neigte seinen Kopf.  
„Gestern habe ich sie vorbeilaufen sehen, während ich gefischt habe. Die kleinen Jungen haben mir beinahe leidgetan, sie waren schon völlig erschöpft, aber der Fuchs hat sie immer weiter getrieben…“
„Vielen Dank Willi! Das müssen sie gewesen sein!“, Langohr sah ihre Gefährten an.
„Wir müssen weiter, sie haben nicht mehr viel Vorsprung!“
Also machten sie sich wieder auf den Weg. Willi sah ihnen eine Weile nach, dann machte er sich wieder ans Fischen.

Beere findet die erste Spur

Bald schon schien die Sonne heiß und ununterbrochen auf die Pelze der Katzen und der Füchsin. Da so dicht am Ufer des Flusses keine Bäume mehr standen, bot sich ihnen auch kein schützendes Blätterdach vor der brütenden Hitze.
„Können wir nicht…“, fing Beere erschöpft an, als sie eine kurze Pause machten und gierig Wasser aus dem Fluss tranken.
„Nein, wir müssen am Fluss bleiben! Schließlich wissen wir, dass auch Schlitzohr am Fluss entlang gegangen ist!“, unterbrach sie Langohr sofort. Beere wollte schon erneut protestieren, aber Tiger legte ihr beruhigend den Schwanz um die Schulter und flüsterte: „Die schlimmste Tageszeit, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, haben wir doch schon hinter uns. Jetzt wird es langsam angenehmer!“
Tatsächlich war der Tag schon zur Hälfte vorbei, doch diese Tatsache besänftigte Beere keineswegs. Nur wiederwillig folgte sie der Füchsin mit dem langen, buschigen Schweif und warf immer wieder sehnsüchtige Blicke über die freie Fläche hin zu den Bäumen. Der kleinen, roten Kätzin mit ihrem langem, dichten Fell, machte die Hitze schwer zu schaffen, wohingegen Langohr die Sonne gar nicht zu spüren schien. Sie lief stets mit demselben, flotten Tempo voran und achtete nicht darauf, ob ihre Gefährten ihr folgten. 

Beere versuchte, nicht an die Wärme zu denken und lenkte sich mit Gedanken an ihre Aufrechtgeher ohne Pelz ab. Ob die beiden sie schon suchten? Irgendwie vermisste sie sie, obwohl sie auch das Leben hier im Wald sehr mochte. Ging es Tiger da genauso? Aber ihr Freund war schon immer sehr unabhängig und abenteuerlustig gewesen, wieso sollte er also seine Pelzlosen vermissen? Beere schüttelte den Kopf und sah dann auf den Boden, auf dem sie lief. Unter ihren Pfoten war die Erde hart von der Sonne, die den ganzen Tag darauf gebrannt hatte. Doch während Beere den Untergrund beobachtete, stutzte sie plötzlich. Die harte Erde wies Spuren auf, rechts von ihr, ganz nah am Wasser waren sie am deutlichsten. Neugierig blieb sie stehen und besah sich die Sache genauer. Tatsächlich konnte sie ganz schwach noch Pfotenabdrücke erkennen, von kleinen Pfoten, die den ihren gar nicht so unähnlich, nur etwas kleiner, waren.
„Tiger, Langohr!“, rief sie laut. Die beiden, die schon weiter vorgelaufen waren, ehe sie ihr unvermutetes Stehenbleiben bemerkt hatten, kamen hastig zu ihr an das Ufer und Langohr schnappte überrascht nach Luft: „Meine Jungen!“, rief sie laut aus.
„Ganz eindeutig!“, stimmte Tiger zu und nickte.
„Die Spuren sind nicht älter als einen halben Tag, sie können nicht mehr allzu weit entfernt sein!“ Nach kurzem Mustern der Spuren wusste Tiger Bescheid und sah Beere mit einem aufgeregten Flackern in den Augen an: „Die Jungen müssen hier aus dem Fluss getrunken haben und eine kurze Pause eingelegt haben, vielleicht können wir bald schon ihren Geruch wahrnehmen!“
„Dann lasst uns weitergehen, schnell!“, Langohr stellte die Ohren nach vorne und sprang wie ein Junges davon, ohne auf ihre Kameraden zu warten.
Die beiden Katzen folgten ihr, selbst die Hitze war in der Erwartung, bald Langohrs Junge zu finden, wie weggeblasen.
„Aber wie wollen wir Schlitzohr dazu bringen, uns die Jungen zu übergeben?“, fragte sich Beere. Sie glaubte kaum, dass der Fuchs ihnen seine Jungen ohne einen Kampf überlassen würde, aber bei dem Kampf mit einem ausgewachsenen Fuchs würden sie wohl nicht ohne Verletzungen davon kommen…

Die Mutter findet Ihre beiden Kinder

„Und jetzt seid gaanz leise!“, zischte Tiger. Der getigerte Kater war tief über den Boden geduckt und kroch langsam vorwärts, während Langohr und Beere hinter dem Brombeerbusch regungslos verharrten. Beeres Blick war auf ihren Freund geheftet, der sich langsam vorwärtsschob, langsam Pfote vor Pfote setzte und schließlich über den Rand hinab in die kleine Senke blickte. Ihr Herz pochte rasend schnell und sie konnte es kaum ertragen, nicht zu wissen, was Tiger da sah. Der Geruch der kleinen Füchse musste ihn genau an diese Stelle geführt haben, doch immerhin war dort unten dann wahrscheinlich auch ein ausgewachsener Fuchs, der ihn jederzeit angreifen konnte. Stunden schienen vergangen zu sein, dann schlich Tiger endlich zurück, drehte sich um und kam mit einem erleichterten Funkeln in den Augen zu ihnen gesprungen.
„Deine Jungen sind da unten, aber von Schlitzohr habe ich nicht einmal eine Schwanzspitze gesehen“, erklärte er. Die Füchsin stieß einen tiefen, zufriedenen Seufzer aus und sah die zwei Katzen fragend an: „Am besten, wir holen sie gleich da raus, bevor er zurückkommt! Wenn er herausfindet, dass meine Jungen weg sind, sollten wir schon so weit weg wie möglich sein!“

Wie Langohr es gesagt hatte, liefen die drei gemeinsam zu der Senke. Während Beere Wache hielt, sprang Langohr in die Sandgrube hinab und drückte ihre Jungen fest an sich. „Langschweif und Kurzschweif, euch geht es gut!“, Beere sah überrascht zu der Füchsin hinunter. Noch nie hatte sie diese so schnurren gehört und noch nie hatte Langohr erwähnt, wie ihre Jungen hießen. Langschweif und Kurzschweif waren für sie sehr außergewöhnliche Namen, genauso wie Langohr und Schlitzohr. Aber bei den Füchsen gab es wohl eine andere Vorstellung von Namen als bei Katzen.
„Mami, Mami!“, rief der kleinere der beiden, dessen Schwanz tatsächlich etwas kurz war, doch bevor er weitersprechen konnte, wurde er von seinem größeren Bruder zur Seite geschubst: „Papa hat uns total viel vom Wald gezeigt!“
„Jaja, das mag ja sein, aber jetzt müssen wir uns wieder auf den Weg nachhause machen!“, Langohr sprach immer noch mit einer viel weicheren Stimme, als Beere es je von ihr gehört hatte. Sie leckte ihrem kleineren Sohn über ein Ohr, doch dieser duckte sich ungeduldig und redete weiter auf seine Mutter ein. Beere konnte nur staunen. Obwohl Langohr auf ihren ehemaligen Gefährten wütend war und ihn wahrscheinlich zutiefst hasste, ließ sie sich das vor ihren Jungen überhaupt nicht anmerken, die ihren Vater offenbar sehr mochten. „Wenn ich einmal Junge haben werde, dann möchte ich so eine Mutter sein wie Langohr“, dachte Beere und wunderte sich im selben Moment über sich selber. Junge? Sie? Das kam gar nicht infrage! Die ganze Verantwortung und Nerven, die Junge kosteten – das war nichts für sie. Aber wenn doch…
Ihr Blick wanderte langsam zu Tiger, doch dann schüttelte sie den Kopf und vertrieb die Illusion, die drei kleine, getigerte Jungen vor ihren Pfoten herumtollen ließ, aus ihrem Kopf. Das war doch lächerlich!
Wie Beere beobachtete auch Tiger die Wiedersehensfreude bei den Jungen, die aufgeregt quiekten und sich an den Körper ihrer Mutter drängten, dann räusperte er sich und miaute langsam: „Langohr, wir sollten...“
Weiter kam er nicht, denn Beere schrie in genau diesem Moment erschrocken auf, als sie eine riesige, rote Gestallt vor sich sah.
„Du hast dir Zeit gelassen, Langohr!“, sagte Schlitzohr.

Die Suche hat ein Ende

Jetzt geschah alles sehr schnell. Schlitzohr stand am Rand der Senke und blickte auf sie hinab, er rührte sich kaum. Langohr drängte ihre Jungen zurück und verbarg sie hinter ihrem Schwanz, dann richtete sie sich auf und sah ihren ehemaligen Gefährten aus zusammengekniffenen Augen an. Plötzlich streifte Fell die rotbraune Katze und Tiger war neben ihr aufgetaucht. Er atmete heftig und hatte die Krallen kampfbereit ausgefahren, doch Schlitzohr sah nicht so aus, als würde er gleich angreifen.
„Langohr, bitte hör mir zu!“, sagte er. Beere blickte ihn verwundert an, denn seine Stimme war viel weicher, als sie es angenommen hatte.
„Wieso sollte ich dir zuhören, Schlitzohr?“, zischte Langohr wütend und fauchte. Ihre beiden Jungen lugten mit großen Augen hinter ihrem buschigen Schwanz hervor, sie verstanden offenbar nicht, was hier vor sich ging.
„Du musst mich anhören, Langohr! Ich wollte unseren Jungen nichts Böses!“, jetzt klang der Fuchs beinahe flehentlich. Er kam langsam die Senke hinab, dabei behielt er immer Langohr im Blick. Langsam fragte sich Beere, was der Fuchsrüde für einen Plan hatte. 

„Wenn du auch nur einen Schritt näher kommst…“, zischte  Langohr. Sie drängte Langschweif und Kurzschweif zurück, dann kauerte sie sich nieder und stieß ein bedrohliches Knurren aus.
„Wie sollte ich dich denn sonst dazu bringen, mit mir zu reden? Du hast mich doch nicht einmal angesehen!“
„Ach ja? Und deshalb stiehlst du einfach meine Jungen?“, ihre Stimme wurde langsam lauter und Beere lief ein Schauer über den Rücken.
„Es sind unsere Jungen! Und ich habe sie nicht gestohlen! Sie haben ein Recht darauf, zu erfahren, wer ihr Vater ist!“, Schlitzohr senkte den Kopf ein wenig, dann warf er Beere und Tiger einen kurzen Blick zu. „Ich wusste, dass du ihre Spur verfolgen würdest. Nur so sah ich eine Möglichkeit, mit dir zu reden.“

Verwundert blickte die rotbraune Kätzin von einem Fuchs zum Anderen. Sie wollte schon etwas sagen, aber Tiger legte ihr den Schwanz auf die Schultern und schüttelte den Kopf. Also schloss Beere ihren Mund wieder und wartete still ab, was als Nächstes geschehen würde.
„Das erscheint mir ein bisschen viel Aufwand, nur um mit mir zu reden“, Langohrs Stimme war spöttisch, doch sie war nicht mehr so feindselig wie zuvor. Der Fuchsrüde, der um fast einen Kopf größer war als sie, kam noch einen Schritt näher und sagte dann etwas leiser: „Hör bitte nur zu was ich dir zu sagen habe.“
Langohr sagte nichts, sie sah Schlitzohr nur an, der zögerlich anfing: „In dem Moment, da wir uns am Mohnfeld getroffen haben, hat sich mein ganzes Leben verändert. Du hast mein Leben verändert. Ich habe mich in dich verliebt, an diesem Tag. Langohr, ich liebe dich! Ist das so schwer zu begreifen?“
Langohr riss die Augen vor Überraschung auf und ihre beiden Katzenfreunde taten es ihr nach. Diese Wendung hatte niemand erwartet.
„Warum habe ich immer wieder versucht, mit dir zu reden? Warum habe ich, nur um dir das zu sagen, mit Kurzschweif und Langschweif einen so weiten Weg zurückgelegt?“, Schlitzohrs Augen funkelten jetzt und endlich erkannte Beere die Liebe, die in seinen Augen glomm.
„Ist das wahr?“, flüsterte Langohr mit großen Augen.
„Ja, natürlich!“, vorsichtig kam Schlitzohr näher und legte seinen Kopf an den ihren.
„Ich liebe dich, Langohr!“, flüsterte er erneut.

Auf zu neuen Abenteuern

„Und ihr wollt wirklich nicht ein Stück mit uns kommen?“, fragte Langohr zum dritten Mal. Auch diesmal schüttelten Beere und Tiger die Köpfe. Beere schnurrte belustigt und warf einen Blick zur Seite. Schlitzohr und ihre gemeinsamen Jungen standen nicht weit entfernt und spielten vergnügt.
„Ihr habt euch sicher viel zu erzählen!“, miaute Beere und stupste Tiger an, als Langohr ihrem Gefährten einen glühenden Blick zuwarf.
„Ich werde euch für eure Hilfe immer dankbar sein. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder?“
„Vielleicht. Wir werden noch tiefer in den Wald gehen, nicht wahr, Beere?“, Tiger sah seine Freundin erwartungsvoll an. Die rostbraune Kätzin nickte, dann verabschiedeten sie sich von ihrer Freundin und deren Familie.
Seite an Seite verschwanden Langohr und Schlitzohr im Gebüsch, ihre beiden Jungen liefen vor ihnen her.

„Am besten, wir folgen dem Fluss flussaufwärts!“, schlug Tiger vor. Beere nickte zustimmend und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Es war angenehm, nur mehr zu zweit unterwegs zu sein. Zwar hatte sie der Fuchsgeruch nach einiger Zeit nicht mehr gestört, aber jetzt ohne ihn zu sein war doch bei weitem angenehmer. Auch wenn sie ihre Freundin vermissen würden, jetzt konnten sie sich auf die Suche nach neuen Abenteuern machen.
Doch die Abenteuer ließen auf sich warten. Drei Tage lang folgten sie dem Fluss immerzu, ohne dass irgendetwas Aufregendes passierte.
Erst am vierten Tag geschah etwas Sonderbares. Sie hatten gerade ihre Mahlzeit, zwei fette Mäuse, verspeist, als das Wasser im Fluss aufgewirbelt wurde und mit einem lauten Platschen ein großer, runder Kopf erschien. Erschrocken machte Beere einen Satz zurück, dann betrachtete sie das Tier, das aus dem Wasser gesprungen war, interessiert. Es dauerte eine kleine Weile, bis sie begriff, dass es eine Katze war. Eine nasse, schlanke Katze, mit glattem, graublauem Fell. Eine Katze, die gerade durch den Fluss getaucht war. Freiwillig!
„Hallo, hallo!“, miaute die hübsche, graublaue Kätzin gut gelaunt. Sie schüttelte sich elegant, sodass die Wassertropfen nur so spritzten, dann blinzelte sie aus hellblauen Augen erst Beere und dann Tiger an.
„Du gehst echt freiwillig ins Wasser?“, sprach Beere aus, was sie dachte, ohne die andere zu begrüßen.
„Sein nicht so unhöflich, Beere! Wie heißt du?“, ermahnte Tiger sie und wandte sich dann freundlich an die Kätzin.
„Ich bin Schimmer. Und wer bist du?“ Schimmer, der Name passte zu der hübschen Katze, deren nasses Fell in der Sonne tatsächlich etwas schimmerte.
„Mein Name ist Tiger. Und Beere hast du ja bereits kennen gelernt!“, stellte sich Tiger vor.
„Ich bin schon immer gerne im Wasser gewesen. Es ist mein Zuhause seit ich denken kann. Aber ich habe mich gestern zu weit von zuhause entfernt und den Rückweg nicht mehr geschafft.“ Sie senkte den Kopf, offenbar hatte sie ziemliches Heimweh. „Ich bin auf dem Weg flussaufwärts“, Schimmer deutete mit dem Schwanz in die Richtung, in die auch Tiger und Beere unterwegs waren.
„Sie kann uns doch begleiten, oder?“, flüsterte Beere aufgeregt ihrem Freund zu. Der nickte und wandte sich wieder an die Flusskatze: „Möchtest du ein Stück mit uns kommen?“
Schimmer überlegte einen Moment, dann nickte sie und sah Tiger verlegen an.
„Toll! Dann lasst uns wieder aufbrechen!“, begeistert stürmte Beere voraus, während Tiger und Schimmer ihr folgten.

Dorn im Herzen

Den ganzen restlichen Tag verbrachten Beere, Tiger und Schimmer damit, flussaufwärts zu laufen und interessante Details über das Leben der anderen zu erfahren. Inzwischen wussten die zwei Freunde alles über die Wasserkatze und diese ihrerseits über ihr Leben bei den Pelzlosen. Schimmer lebte mit ihren drei Brüdern und ihren Eltern in einer Höhle neben dem Wasser und fast ihre ganze Nahrung bestand aus Fisch.
Als es Abend wurde, beschlossen sie, an einem geschützten Platz am Ufer des Flusses die Nacht zu verbringen und legten sich nach einer ausgiebigen Mahlzeit schlafen.
Am nächsten Morgen wachte Beere auf, als etwas Nasses und Kaltes sie traf. Sie schreckte hoch und sah sich Auge in Auge einem großen, toten Fisch gegenüber.
„Wollt ihr mal probieren? Ihr habt sicher noch nie einen Fisch gefressen, oder?“, Schimmer schlug begeistert mit dem Schwanz, als auch Tiger langsam die Augen öffnete und sich streckte.
„Ich bin gespannt, wie der schmeckt!“, miaute Beere neugierig und schlug ihre Zähne in das glitschige Tier. Die rotbraune Kätzin schluckte einen großen Bissen hinunter und verzog augenblicklich das Gesicht. „Igitt!“, kreischte sie auf. Der Fisch schmeckte widerlich. Er war nur nass und glitschig, und ähnelte kein bisschen dem Geschmack einer saftigen Maus.

„Ihr könnt ja dieses ekelerregende Fischding essen, aber ich fang mir jetzt eine frische Maus!“, damit verschwand Beere im Gebüsch. Wenig später hatte sie zwei Mäuse gefangen und konnte ihren Hunger stillen, auch der Fischgestank verschwand endgültig aus ihrer Nase. Zufrieden kehrte sie wieder an das Flussufer zurück, wo Tiger und Schimmer dicht nebeneinander am Flussufer hockten, sodass sich ihre Pelze leicht berührten.
Verwundert trat Beere näher und hörte das leise Schnurren der hübschen Kätzin, während diese Tiger gerade erklärte, wie man richtig fischte.
„Du musst ganz vorsichtig sein und Geduld haben, sonst wird das nichts…“, miaute die graublaue Katze und rückte noch ein Stück näher an Tiger, dem das zu gefallen schien.
Ein unbekanntes Gefühl kroch in Beere hoch, das sie nicht einordnen konnte. Wie ein Dorn bohrte es sich in ihr Herz und schmerzte tief. Sie sah nur die Rücken der beiden Katzen, doch bei dem Anblick schien ihr Herz stillzustehen. „Tiger und Schimmer“, dachte sie traurig. „Braucht er mich dann überhaupt noch?“

Eine kleine Ewigkeit stand sie da und lauschte der Lektion, die Schimmer ihrem Freund gerade gab, bis sie irgendwann genug hatte und laut miaute: „Wir sollten weiterlaufen!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte sie davon, und ließ zwei verdutzte Katzen hinter sich, die sich jetzt beeilen mussten, um ihr folgen zu können.
„Sie ist viel hübscher als ich, klüger und kennt sich hier draußen viel besser aus als ich“, dachte Beere verbittert. Sie sah an sich herab, sah das rotbraune Fell, das auch mal wieder eine gründliche Pflege vertragen würde und verglich ihren Pelz mit dem schönen, glänzenden Fell der Katze, die so viel Zeit im Wasser verbrachte. Nicht nur, dass Schimmer klüger und hübscher als sie selbst war, nein, sie war auch viel interessanter. „Wie oft findet man schon eine Katze, die das Wasser so mag.“
Tiger und Schimmer schlossen eine Weile später zu ihr auf und fingen an, sich zu unterhalten, während Beere ihren trübsinnigen Gedanken nachhing. Sie ließ sich etwas zurückfallen und lief den zwei Katzen nach, die sie prächtig zu amüsieren schienen. Doch plötzlich blieben die blaugraue Katze und der getigerte Kater abrupt stehen.
„Du meine Güte!“, keuchte Schimmer.
Neugierig kam Beere näher und auch ihr stockte der Atem bei dem Anblick, der sich ihnen bot.

Wo ist das Wasser

„Was ist da passiert?“, fragte Tiger, doch er bekam keine Antwort. Vor ihnen flossen zwei schmälere Flüsse in einen zusammen, doch das rechte Flussbett war fast völlig ausgetrocknet. Einige kleine Frösche hüpften vergnügt auf dem Trockenen herum, doch sonst gab es keine Lebewesen darin.
„Sag jetzt nicht, dass du dort lebst…“, miaute Tiger leise, doch Schimmer war wie erstarrt. Sie nickte langsam und starrte auf das Wasser, das munter vor sich hin floss – jedoch nur aus dem einen Flussarm.
„Was sollen wir denn jetzt tun?“, fragte Beere verwirrt, in der Hoffnung, dass Schimmer wusste, was nun zu tun sei. Doch die starrte weiter fassungslos den ausgetrockneten Flussarm an, dann löste sie sich aus der Starre und sprang mit einem Satz in die Fluten. Beere und Tiger sahen ihr schweigend zu, wie sie mit kräftigen Zügen durch den Fluss schwamm und wenig später in dem trockenen Flussbett ankam. Sie sah sich um und winkte den beiden Katzen mit einem ungeduldigen Schwanzwippen, woraufhin Tiger sich ebenfalls in den Fluss gleiten ließ. Doch Beere verharrte und sah unschlüssig auf das Wasser. „Ich denk gar nicht daran!“, murmelte sie dann stur und suchte das Ufer nach einer Möglichkeit, den Fluss zu überqueren, ohne nass zu werden, ab. Schimmer trippelte währenddessen ungeduldig auf und ab, während Beere sich langsam über einen schief ins Wasser reichenden Ast hangelte und dabei gar nicht wagte, in das Wasser unter sich zu blicken. „Ich falle!“, dachte sie fast jeden Moment, aber sie schaffte es dennoch ohne ins Wasser zu stürzen und atmete erleichtert auf, als sie mit einem nicht wirklich eleganten Satz neben der ungeduldigen Schimmer landete.

„Fertig?“, fragte diese und rannte los, ehe Beere antworten konnte. Ihr lag schon eine bissige Bemerkung auf der Zunge, aber Tiger sah sie nur warnend an und folgte der graublauen Kätzin.
Sie liefen einige Zeit stumm weiter, bis Schimmer laut zu rufen begann: „Glimmer? Fleck?“
Zwei Katzen traten daraufhin hinter einem Felsen am Ufer hervor und sahen auf sie hinab. Das Fell der Kätzin war hellgrau, schimmerte jedoch ähnlich wie das von Schimmer und die Haltung und Statur der Kätzin ließen keinen Zweifel daran, dass sie verwandt waren. Der Kater namens Fleck dagegen war ein hübscher, schwarzweiß gefleckter Kater, der um einiges größer war und dessen Augen besorgt funkelten.
„Schimmer! Wir haben dich schon vermisst! Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Das sind Tiger und Beere. Ihr beiden, ich darf euch meine Schwester Glimmer und ihren Gefährten Fleck vorstellen. Was ist mit dem Wasser passiert?“, Schimmer sprang aus dem Flussbett hinauf zu den zwei anderen Flusskatzen, während Glimmer mit sorgenvoller Stimme sagte: „Es ist einfach langsam weniger geworden, bis es ganz versiegt ist. Oh Schimmer, was sollen wir denn jetzt tun? Fleck und ich können hier nicht weg, unsere Jungen brauchen uns! Und…“, sie wollte noch weitersprechen, aber Tiger unterbrach sie. Er hatte sich aufgerichtet und sah erst Beere, dann Schimmer an. Beere kannte den Tigerkater gut genug, um zu wissen was jetzt kommen würde. Und tatsächlich miaute er entschlossen: „Macht euch keine Sorgen. Wir werden herausfinden, warum kein Wasser mehr fließt. Und wenn es uns möglich ist, werden wir dafür sorgen, dass ihr bald wieder Wasser haben werdet!“

Streit am Wasser

„Wir brechen sofort auf und suchen flussaufwärts!“, bestimmte Tiger und sah erst Schimmer, dann Beere an.
„Jetzt sofort?“, fragte Beere völlig überrumpelt. Sie grub unruhig ihre Krallen in die Erde, wie konnte Tiger einfach so aufbrechen und nach dem verschwundenen Wasser suchen? Es war viel zu gefährlich, denn wer hatte schon die Macht, einen ganzen Fluss verschwinden zu lassen? Jemand, der so stark und gefährlich war, würde ein  mächtiger Gegner sein. Weitaus schlimmer als ein Fuchs.„Tut er das für Schimmer?“, fragte sich Beere im Kopf die ganze Zeit. Der Dorn stach wieder zu, fest und schmerzhaft. Sie wusste noch nicht genau, was ihre Gefühle bedeuteten, aber Tiger so in Sorge um Schimmers Heim zu sehen, machte sie wahnsinnig.
„Willst du Schimmer, Fleck und Glimmer und ihren Jungen etwa nicht helfen?“, fragte Tiger angriffslustig.
„Natürlich will ich helfen!“ Beere schüttelte den Kopf und fragte sich im Geiste: „Wie kann er mir nur so eine Frage stellen? Er weiß ganz genau, dass ich nicht tatenlos zusehen kann, wenn solch ein Unglück passiert. Oder etwa nicht?“

„Sieht nicht so aus…“, Der Kater murmelte es leise, während er sich Schimmer zuwandte, doch Beere hörte es und das fehlende Vertrauen des Freundes verletzte sie tief, doch sie ließ sich nichts anmerken und sagte nichts mehr, so als hätte sie nichts gehört. Fleck, der immer noch vor ihnen stand, und die Situation schweigend beobachtete, starrte Beere an – der Blick des gefleckten Katers bereitete ihr Unbehagen. Ahnte Fleck etwas von den Gefühlen, die sie verbarg?
Die rostbraune Kätzin kapselte sich ab und ließ Schimmer und Tiger weiter eifrig und besorgt darüber sprechen, was sie jetzt tun würden. Sie hing währenddessen ihren Gedanken nach und betrachtete Tiger. Der Tigerkater war sehr groß und muskulös, hatte einen breiten Kopf und starke Schulter, außerdem einen langen, etwas buschigen Schwanz und bei jeder Bewegung konnte man die Muskeln unter seinem glatten, weichen Fell spüren. Dann musste Beere daran denken, wie sie ihren Freund kennen gelernt hatte. Sie war noch ein Junges gewesen, gerade von ihrer Mutter getrennt und zu dem netten Pärchen gekommen, das ihre neuen Felllosen waren. Das ganze Haus und der Garten war ihr noch unbekannt gewesen und sie hatte sich unter einem Tannenbaum versteckt, ängstlich, aber auch neugierig. Und dann war Tiger von einem benachbarten Garten über den Zaun gesprungen. Auch er hatte noch das flauschige Fell eines Junges, allerdings war er schon etwas älter und größer, und außerdem schon viel länger bei den Aufrechtgehern.
„Beere, kommst du?“, Schimmers ungeduldige Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Mit ihren schönen, blauen Augen sah sie die rostbraune Kätzin gereizt an und schnippte ihr mit dem Schwanz zu.
„Ich bin immer noch der Meinung, dass wir…“, weiter kam sie nicht, denn Schimmer und Tiger liefen einfach los, ohne auf ihren Protest zu achten. Einen Moment überlegte Beere, ob sie nicht einfach hier bleiben sollte, aus Protest und weil sie den beiden nicht nachlaufen wollte, doch dann siegte ihre Neugier. Während sie in dem trockenen Flussbett den zwei Katzen folgte, spürte sie immer noch Flecks Blick auf sich ruhen. Doch als sie sich zu ihm umdrehte, verschwand er gerade hinter der Böschung, vermutlich zu seinen Jungen und seiner Gefährtin. Blitzartig kam in Beere die Vorstellung von einem warmen Nest, dem Geruch nach Milch und Jungen und sie wünschte sich, ebenfalls eine richtige Familie zu haben.

Der Damm

Es war zum Verrücktwerden. Beere hasste sich für die Gefühle, die in ihr hochkrochen, jedes Mal wenn sie Tiger und Schimmer ansah. Doch die Beiden schienen nicht zu merken, wie sehr sie die Nähe zwischen ihnen verletzte. Der Tigerkater und die hellgraue Katze liefen stets Seite an Seite und nahmen keine Rücksicht auf Beere, der langsam die Pfoten wehtaten. Sie war allerdings zu stolz, um sie um eine Pause zu beten, und lief deshalb weiter, egal wie anstrengend es wurde.
Als die Sonne gerade hinter den Bäumen verschwunden war, hörte Beere plötzlich ein unvermutetes Geräusch. Sie brauchte einen Moment, um herauszufinden, was es war, dann erkannte sie das Rauschen von Wasser. Sie wollte gerade den anderen beiden zurufen, was sie entdeckt hatte, als Schimmer laut und begeistert ausrief: „Wasser!“ Ehe Tiger oder Beere auch nur einen weiteren Schritt machen konnten, stürmte Schimmer voran und warf sich in den Fluss. Beere trottete vor und stellte sich neben Tiger, dessen Blick allerdings ausnahmsweise nicht auf die hübsche Wasserkatze gerichtet war. Stattdessen betrachtete er irritiert die Ansammlung von Ästen, Baumrinden und Stöcken, die eine Art Verstopfung bildeten. Das Wasser staute sich vor dem Wall aus Ästen auf und hatte keine Möglichkeit, weiter zu fließen.
„Deshalb ist das Wasser weg!“, rief Beere verblüfft. Wie kam irgendjemand nur auf die Idee, das Wasser auf diese Art aufzuhalten?

„Was geht hier vor sich?“, die schneidende Stimme erklang von irgendwo zwischen den Ästen hervor. Tiger sah Beere an und zu ihrer Überraschung sah sie Angst in den Bernsteinaugen des Katers aufblitzen. Ihr selbst war ebenfalls mulmig zumute, denn die Stimme klang tief und heiser, so als gehörte sie zu einem riesigen Tier.
Atemlos starrten die zwei Katzen auf den Wall, der sich langsam hob. Plötzlich erschien eine braune Nase, dann ein kleines, behaartes Gesicht und schließlich das ganze, langhaarige Tier. Beere stieß einen Laut der Überraschung aus, denn das braune Tier war nicht einmal halb so groß wie sie. Es einen langen, nassen Pelz und einen breiten, platten Schwanz und sah jetzt missmutig zwischen den Katzen hin und her.
„Was wollt ihr hier? Wenn ihr mich besuchen wollt, kündigt euch vorher an! Ich bin absolut nicht vorbereitet auf Besuch und muss mich noch frischmachen!“, knurrte er.
„Wer bist du? Was machst du hier? Warum verstopfst du das Wasser?“ – so viele Fragen gingen Beere durch den Kopf, sodass sie nicht wusste, was sie als Erstes fragen sollte.
„Guten Tag. Wie heißt du?“, fragte Tiger höflich und senkte den Kopf. Der Bewohner des Walls schmatzte missmutig und kam auf seinen kleinen Beinen etwas näher.
„Ich hasse Besuch. Könnt ihr nicht verschwinden?“, murmelte er, dann fügte er jedoch hinzu: „Wenn ihr bekommen seid, um meinen außerordentlich schönen Bau zu bewundern, seid ihr herzlich willkommen. Meine zukünftige Frau wird in wenigen Tagen eintreffen und sie wird begeistert sein über die Fortschritte, die ich in ihrer Abwesenheit erzielt habe. Eigentlich hatte ich ja geplant, den Bau nur über die Hälfte des Flusses anzulegen, aber so ist es doch viel praktischer und geräumig für unseren vielen kleinen Junge im nächsten Jahr.“
„Das ist ein Biber“, raunte Tiger der rostbraunen Kätzin zu, die verständnislos den Kopf schüttelte. Sie hatte keine Ahnung, was ein Biber war, aber Tiger entspannte sich jetzt sichtlich – offenbar war ein Biber nicht so gefährlich.
Nach einer kurzen Pause setzte Tiger vorsichtig an: „Herr Biber, es gibt da jetzt ein kleines Problem…“

Das Problem mit dem Biber

Nachdem Tiger dem Biber alles erklärt hatte, herrschte erst einmal eine lange Pause. Der Biber betrachtete seinen Damm nachdenklich, dann watschelte er langsam wieder zurück und setzte sich auf den Damm.
„Ich sehe immer noch nicht ein, warum ich meinen schönen Damm aufgeben sollte. Meine Verlobte wartet bereits auf die Fertigstellung. Die Biberregeln besagen, dass sie mich erst dann heiraten darf, wenn ich über einen fertigen Bau verfüge. Und er soll der schönste und größte von allen werden.“
Tiger sah die beiden Kätzinnen verzweifelt an. Beere schmerzte es, die Verzweiflung in seinen Augen zu sehen. Die rostbraune Kätzin konnte sich fast nicht auf das Problem konzentrieren, das doch eigentlich an oberster Stelle stehen sollte, stattdessen beobachtete sie Schimmer und Tiger unauffällig. Aber Schimmer war zu sehr damit beschäftigt, den Kopf hängen zu lassen, während Tiger unruhig hin und her lief und offenbar scharf nachdachte. Der Biber saß einfach nur da und kaute an einem dünnen Ast – Ihn schien das Ganze nicht zu kümmern.

„Wir könnten seinen Bau einfach zerstören…“, schlug Tiger schließlich nicht überzeugt vor. Aber Schimmer schüttelte mutlos den Kopf: „Er wird schnell dahinter kommen. Oder er baut einfach einen neuen Damm.“
„Meint ihr, er lässt sich überzeugen?“, fragte Schimmer. Tiger sah sie einen Moment an, erwiderte jedoch nichts darauf. Sie diskutierten und überlegten eine Weile hin und her, während Beere in ihren eigenen Gedanken versunken war. Doch irgendwann hatte sie plötzlich eine Idee.
„Wen glaubt ihr, heiratet er?“, fragte sie langsam. Während sie ihnen ihre Idee erklärte, fragte sich Beere gleichzeitig, ob Tiger für immer bei Schimmer bleiben würde, wenn sie das Problem mit dem Wasser beseitigt hätten, doch sie verdrängte diese Gedanken schnell wieder.
„Wir müssen seine Zukünftige suchen!“, Tiger sprang von seinem Platz, auf den er sich vor wenigen Augenblicken hatte fallen lassen, wieder auf und sah zu dem Biber hinüber, der immer noch keine Notiz von ihnen nahm.
„Herr Biber, wir würden Ihre Frau gerne kennen lernen, können Sie uns sagen, wo genau sie wohnt?“
„Bei mir, um genau zu sein. Sie wird bald kommen, kann nicht mehr lange dauern. Ich schätze Pünktlichkeit sehr und sie hat sich noch nie verspätet.“, der Biber putzte sich sorgfältig das Fell und der Tigerkater atmete aus.
„Dann müssen wir nur mehr abwarten und sie davon überzeugen, dass dieser Ort ein schlechtes Zuhause ist.“, Tiger sah die rostbraune und die silbergraue Kätzin ermutigend an. Seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten bei dem Gedanken, endlich eine Lösung gefunden zu haben, was Beere erneut einen Dorn ins Herzen trieb. Sie setzte sich an den Rand des Flusses und starrte auf die blaue Oberfläche, die sich kräuselte und Wellen warf.

Sie mussten nicht lange warten, denn blad schon kam ein zweiter Biber aus dem Wald gewatschelt. Man erkannte sofort die Unterschiede zwischen Herrn und Frau Biber, denn letztere war schlanker und kleiner als ihr zukünftiger Mann und hatte sich für dieses Treffen ordentlich herausgeputzt. Jetzt kam sie langsam auf das Flussufer zu und betrachtete den Biberbau voller Staunen. Sie war offensichtlich ziemlich beeindruckt.
„Frau Biber, es ist schön, Sie kennen zu lernen! Mein Name ist Tiger, und das hier sind meine Freunde Schimmer und Beere.“, Tiger ließ sie gar nicht zuerst ihren Zukünftigen begrüßen, sondern stürmte gleich auf sie ein: „Bitte, Frau Biber. Der Biberbau ist zwar wunderschön, aber durch ihn fließt im Fluss kein Wasser mehr und viele Tiere flussabwärts brauchen das Wasser. Es ist schwierig, ohne das Wasser zu überleben!“
„Stimmt das, hast du wirklich den Fluss verstopft?“, die Biberdame sah ihn vorwurfsvoll an und lief auf ihn zu.
„Oje, jetzt kommt Ärger…“, murmelte Tiger und sah gebannt zu, wie sich Frau Biber gegen Herrn Biber behauptete.

Endlich wieder Wasser

„Du kannst doch nicht einfach den Fluss verstopfen! Denkst du kein bisschen an die armen Tiere, die wegen dir und deinem Größenwahnsinn kein Wasser mehr haben? Es reicht doch, wenn du den Damm über einen Teil des Flusses baust! Er ist dann immer noch groß genug für uns und unsere zukünftige Familie.“ Frau Biber war richtig in Fahrt gekommen und immer näher auf ihren baldigen Ehemann zu gewatschelt, während sie ihn anschrie. Beere sah der Szene mit großen Augen zu und warf dann Tiger einen verschmitzten Blick zu. Für einen Moment vergaß sie völlig, dass Schimmer neben ihnen stand und die alte Vertrautheit war plötzlich wieder da. Jedenfalls, bis Schimmer sich einmischte und Tiger strahlend anfunkelte.
„Sie werden den Damm auflösen!“, miaute sie freudestrahlend und Tiger schnurrte belustigt. Sofort überfiel Beere wieder diese Eifersucht, die sie so sehr hasste.
„Ich kann den Damm tatsächlich minimieren, allerdings nur auf die Hälfte!“, Herr Biber grummelte vor sich hin. Er wirkte unzufrieden, aber wahrscheinlich wollte er Frau Bieber nicht vergraulen. Diese lächelte ihn an und schlug mit ihrem Schwanz auf den Baumstamm.
„Was wollt ihr noch hier? Der Fluss wird spätestens morgen, nachdem die Sonne aufgegangen ist, wieder fließen. Ihr habt erreicht, was ihr wolltet, also könnt ihr ja wieder gehen!“, der Biber drehte den drei Katzen den Rücken zu und machte sich an die Arbeit, den Damm aufzubrechen.

„Schnell, wir müssen zurück zu Glimmer und Fleck!“, jaulte Schimmer und raste im selben Moment los. Tiger setzte ihr sofort nach und auch Beere folgte der Kätzin. Jetzt, nachdem das Problem gelöst war, stellte sie sich die unvermeidliche Frage, wie es weiter gehen sollte. Würde Tiger bei Schimmer bleiben wollen? Und was sollte sie machen, wenn dem so wäre?
Den ganzen Weg zurück zu Schimmers Familie hing Beere betrübt ihren Gedanken nach. Sie bemerkte nicht einmal, dass Tiger sie immer wieder besorgt von der Seite ansah, bis sie schließlich Schimmers Zuhause erreicht hatten. Das Wasser floss zwar immer noch nicht, aber die blaugraue, hübsche Kätzin war guten Mutes und erzählte ihrer Schwester Glimmer und deren Gefährten Fleck schnell, was sie herausgefunden hatten.
„Jetzt können wir nur noch warten“, miaute Tiger, als Schimmer mit der Erzählung fertig war.
Es wurde langsam Abend und die Wasserkatzen boten Tiger und Beere an, bei ihnen im unterirdischen Bau zu schlafen. Dankbar nahmen der Tigerkater und die rostbraune Kätzin dieses Angebot an und alle Katzen kuschelten sich eng aneinander. Bald schon konnte Beere die gleichmäßigen Atemzüge der übrigen Katzen hören, aber sie selbst konnte nicht einschlafen. Irgendwann hielt sie die Wärme und Ruhe der schlafenden Katzen und den Geruch der Jungen, die dicht an Glimmer gedrängt lagen, nicht mehr aus und sie stahl sich aus dem Bau hinaus. Dort hockte sich Beere an das Ufer des ausgetrockneten Flussbettes und sah schweigend in den dunklen Nachthimmel hinauf.
Sie wusste nicht mehr, wie lange sie da gesessen hatte, aber irgendwann klang ihr ein merkwürdiges Geräusch in den Ohren und der Geruch von Wasser kroch ihr in die Nase. Überrascht sah sie zu dem Flussbett hinunter. Es dauerte eine Weile, aber dann sah sie, wie das Wasser sich langsam seinen Weg durch das Flussbett bahnte, wie es sich langsam vorwärtsbewegte und den Fluss völlig auffüllte. Es war ein wunderschönes Schauspiel, das Beere da beobachtete, deshalb bemerkte sie gar nicht, dass sich ihr eine Katze von hinten näherte.

Beere stellt sich der Wahrheit

Einige Zeit lang saß Beere schweigend da, dann räusperte sich Tiger hinter ihr und sie fuhr zusammen.
„Ich habe dich gar nicht gehört…“, miaute sie verlegen und sah weg. Tiger sagte nichts, deshalb fragte Beere leise: „Was wirst du jetzt tun?“
Diese Frage schien den Tigerkater zu überraschen. Er legte seinen Kopf schief und sah Beere an, doch die blickte stur auf das Wasser hinaus. Sie wollte nicht sehen, wie er ihr seine Liebe zu Schimmer gestand, aber sie musste die Gewissheit haben, dass es so war, sonst würde sie nie Ruhe finden.
„Wie meinst du das?“, fragte Tiger langsam und mit leiser Stimme.
„Naja, bleibst du hier oder geht ihr gemeinsam fort?“, Beeres Stimme brach, sosehr sie auch versuchte, sich den Kummer und den Schmerz nicht anmerken zu lassen.
„Wovon sprichst du?“ – „Was meinst du?“ – „Was meinst du?“ – „Du verwirrst mich, Tiger“
Jetzt herrschte wieder Stille.
„Wieso sollte ich hier bleiben? Das ist nicht mein Zuhause. Für mich wird es Zeit, mit meiner großen Liebe gemeinsam einen Ort zu finden, wo wir leben können.“ Da war sie, die Wahrheit. Beere schluckte und sie schloss die Augen. Warum konnte er es nicht endlich aussprechen, dann wusste sie Bescheid. Im Grunde hatte er es doch bereits gesagt, aber warum klopfte ihr Herz dann wie verrückt?
„Beere, was sagst du dazu?“, fuhr Tiger leise miauend fort.
„Was soll ich schon dazu sagen!“, nur stockend kamen ihr diese Worte über die Lippen und ihre Augen hielt die rostbraune Kätzin immer noch zusammengekniffen.
„Du kannst sagen, dass du diese Gefühle erwiderst“, jetzt war Tigers Stimme ganz nah. Beere öffnete verwirrt die Augen und drehte sich zu ihm um. Tiger sah sie an, mit einem Blick in seinen Augen, der Beeres Herz schneller schlagen ließ.

„Falls du es immer noch nicht begriffen hast, ich liebe dich, du dummer Fellball“, schnurrte Tiger amüsiert. Beere starrte ihn an, die Augen weit aufgerissen und den Mund halb offen.
„Du… liebst… mich? Was ist mit Schimmer?“
„Schimmer? Sie hat mir geholfen, mir über meine Gefühle klar zu werden. Sie ist nur eine Freundin, aber du bist die Katze, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will. Jeder Tag wird zu einem besonderen Tag, wenn du ihn mit mir teilst!“
Jetzt verstand Beere langsam. Die Freude, die sich in ihrem Herzen ausbreitete, war gewaltig. Sie konnte Tiger nur ansehen, zu überwältigt war sie, um zu sprechen. Stattdessen dachte sie mit aller Kraft an die Worte, die sie so lange zurückgehalten hatte: „Ich liebe dich, Tiger!“
Aber Tiger verstand sie auch so. Dieses Verständnis, die alte Vertrautheit, die plötzlich zwischen ihnen herrschte, berauschte Beere vollkommen. Unendlich lange standen sie so da und sahen einander nur an, dann vergruben sie die Nasen im Pelz des Anderen und Beere sog den Duft ihres Freundes ein. Es war alles gut, Tiger liebte sie und wollte mit ihr zusammen einen Ort finden, an dem sie eine Familie gründen konnten. Vielleicht trafen sie dann auch irgendwann wieder einmal auf die Fuchsfamilie? Aber das Wichtigste war dennoch, dass sie immer zusammen bleiben würden, und gemeinsam allem Kommenden entgegen blicken würden.