Die Geschichte von Boris

Der kleine Adler erfährt von dem Unglück seiner Eltern und versteht nun seine Geschichte

„In unserer Jugend waren Sonia und ich beste Freunde. Wir dienten gemeinsam unter dem Vorgänger König Errichs, nämlich König Richat, nahmen an zahlreichen Schlachten teil und flogen stets gemeinsam, Seite an Seite.“
Anso wechselte eine liebevollen Blick mit seiner Gefährtin, die fortfuhr: „Irgendwann hatten wir uns wohl ineinander verliebt und als wir älter wurden, gründeten wir eine Familie. Wie waren wir stolz auf unser erstes Gelege. Vier wunderschöne Eier, groß und prächtig. Eines war schöner als das andere. Wochenlang haben wir sie abwechselnd ausgebrütet. Weder Anso noch ich haben je beide gleichzeitig das Nest verlassen. Doch dann war eines Morgens etwas Furchtbares geschehen…“
Boris‘ Mutter senkte betrübt den Kopf, woraufhin Anso für sie weitersprach: „Ein Schwarm Raben griff unseren Baum an. Es war ein kriegerischer Trupp, der viel zu weit in unser Reich eingedrungen war. Wir hörten sie kommen, denn Raben machen ja für gewöhnlich sehr viel Lärm beim Fliegen. Sie schrien und kreischten laut, sodass wir vorgewarnt waren, aber was sollten wir tun? Wir mussten unsere Eier in Sicherheit bringen. Aber die Eier waren groß und schwer, und jeder konnte immer nur eines nehmen. Aber die verbliebenen Eier schutzlos zurücklassen? Nein. Also packte ich das erste Ei, flog so schnell ich konnte an einen sichereren Platz zu einem befreundeten Adlerpaar, ließ das Ei bei ihnen und kehrte zurück, um das nächste Ei zu holen. Doch der Weg war lang und als ich wieder bei unserem Nest ankam, konnten wir schön die Adler als schwarzen Schatten sehen. Sie kamen unaufhörlich weiter und uns blieb nur eine Chance, die Eier zu retten. Ich nahm also das zweite Ei und Sonia auch eines. Schweren Herzens mussten wir ein Ei zurücklassen. Aber es ging nicht anders! 

Doch es war sehr schwer, mit den Eiern und dem ständigen Schlagen der Rabenflügel zu fliegen. Die Eier warne schwer, ich hatte schon einen langen Flug hinter mir und Sonia war noch geschwächt von der Nacht, da wir noch nicht gejagt hatten und sie die Eier gebrütet hatte. Und so kam, was kommen musste. Die Raben holten auf, sie holten uns ein. Wir konnten gerade noch einen Baum erreichen und die Eier dort in einer Höhle verstecken, ehe wir uns den Angreifern stellen mussten. Es waren sehr viele und obwohl wir im Kampf erprobt waren, hatten wir gegen eine solche Übermacht keine Chance! Doch dann kam Rettung. Das befreundete Adlerpaar hatte schnell alle Adlerkrieger in der Nähe aufgesucht, die Adlerschwingen gab es damals ja noch nicht, und gemeinsam schafften wir es, die Raben zu vertreiben. Doch für unsere Eier war das zu spät. Sie waren… erstarrt in der Kälte. Zu lange hatten sie ohne den wärmenden Schutz von Sonia oder mir auskommen müssen. Wir sind sofort zu unserem alten Nest geflogen, doch das zurückgelassene Ei war zerstört. Zerstört von den grausamen Raben! Wir waren erschöpft und müde, und der Verlust der drei Eier machte uns schwer zu schaffen. All unsere Hoffnung lag in dem letzten Ei. Wir kehrten zu dem Nest des befreundeten Adlerpaares zurück, aber dort traf uns die Wahrheit wie ein Schlag. Das Nest war leer.“
„Wir haben an einem einzigen, kalten Morgen unsere vier Eier verloren. Es war der schlimmste Tag in unserem Leben, das kannst du uns glauben, Boris. Der Schmerz, du kannst ihn dir nicht vorstellen. Zwei Eier waren erfroren und eines zerstört. Aber ich wusste, dass du noch lebtest. Ich wusste irgendwie, dass unser viertes und letztes Ei auf eine lange Reise gegangen war. Anso wollte mir zuerst nicht glauben, und vor allem wollte er nicht die Enttäuschung erfahren, wenn wir doch herausfinden würden, dass es auch für unser viertes Küken keine Chance mehr gab. Aber wir haben trotzdem nach dir gesucht. Tagelang, Monatelang.“
„Irgendwann mussten wir einsehen, dass wir dich nicht finden würden. Wir hatten ja keine Ahnung, wo du nun lebst oder wie du aussiehst! Wir haben also Asche ausgesucht, die eine gute Freundin von uns war, und ihr von unserem Leid berichtet, in der Hoffnung, dass sie dich eines Tages zufällig finden würde. Dann haben wir uns hierher verzogen und da wir Königin Sera bei einer wirklich dummen Angelegenheit aus der Patsche geholfen haben, ist sie uns zu ewigem Dank verpflichtet und hat uns versprochen, keinem Adler etwas zu tun, sondern jeden zu uns zu schicken, der sich in ihr Reich verirrt. Und hier seid ihr nun, Wicky, Boris. Endlich!“

Autor: Steffi