Boris und der graue Wald

Bors macht Bekanntschaft mit seiner Retterin und stellt fest, dass er in einem anderen Nest gelandet ist

„Wer bist du? Und wo bin ich?“, waren die ersten beiden Fragen, die Boris über den Schnabel kamen, als er seine Augen aufschlug und den riesigen, grauen Vogel ansah. Es war eine Vogel-mutter, wie seine eigene, doch sie sah ganz anders aus als alle Vögel, die Boris kannte. Sie hatte lange, riesige Schwingen, einen gelben, spitzen Schnabel und stechende, gelbe Augen, die ihn jetzt unverwandt anblickten.
„Mein Name ist Tiara und du bist in Sicherheit, kleiner Vogel.“, sie erhob sich langsam und löste die Umarmung, mit der sie Boris in der Nacht gewärmt hatte. Aber Boris‘ Neugierde war noch lange nicht gestillt. „Wo bin ich?“, fragte er weiter und blickte sich um, in der Hoffnung, etwas zu erkennen. Aber um ihn herum war nicht viel, außer grauen, glatten Dingern, die hinter ihnen den gesamten Himmel bedeckten, und vor ihnen war nichts, nur hellblaue Leere. „Das ist also der Himmel!“, dachte Boris staunend, als er das unendliche Blau betrachtete. Er hüpfte nach vorne, um es genauer zu betrachten, aber Tiara versperrte ihm mit ihren Flügeln den Weg.
„Vorsicht!“, rief sie scharf und das kleine Vogelküken zuckte zusammen, „Ein falscher Schritt und du bist tot!“
„Tot?“, fragte Boris, der jetzt etwas verängstigt war. Tiara nickte streng, und zog ihren Flügel wieder zurück, so dass Boris über die Kante des Nestes spähen konnte. 

Ihm wurde beinahe schlecht, als er hinab sah. Zwar wusste er nicht, wie hoch sie hier, inmitten des grauen Waldes waren, aber das Grün der Bäume lag soweit unter ihnen, dass Boris nicht einmal einen einzelnen Baum ausmachen konnte. „Wo bin ich?“, fragte er erneut.
„Das hier ist der große Sonnenfels!“, erklärte Tiara.
„Der große Sonnenfels…“, wiederholte Boris langsam. Die Worte fühlten sich merkwürdig in seinem Mund an. Was war dieser Sonnenfels genau? Und was war dieser merkwürdige, graue Wald?
„Kleines Küken, das hier um uns herum sind Felsen, diese grauen Gebilde“, Tiara lächelte und dabei blitzten ihre Augen.
„Felsen... Warum hast du mich hierher gebracht?“, die Fragen, die in dem kleinen Vogel tobten, wurden nicht weniger, und er wusste kaum, welche er zuerst stellen sollte.
„Hätte ich dich nicht gesehen, wärst du jetzt schon tot!“, sagte sie mit ernster Stimme. Das leuch-tete Boris ein. Der Atem stockte ihm, als er daran dachte, wie nahe er dem Tode gewesen war.
„Danke!“, sagte er mit schwacher Stimme. Tiara nickte, dann spähte sie in die Ferne.
„Du musst noch viel lernen, wenn du hier überleben willst. Aber das wird schon, kleiner Vo-gel!“, erneut lächelte die Vogelmutter mild, und Boris fühlte sich gleich viel wohler. „Kann ich bei dir bleiben?“
„Natürlich, kleiner Vogel. Du hast Mut und Talent, obwohl du noch so jung bist. Ich werde dir alles lernen, was du wissen musst und dann werden wir gemeinsam die Welt erkunden“
„Wirklich?“, Boris verstand zwar nicht alles, was Tiara sagte, aber er vertraute ihr. Langsam fie-len Boris wieder die Augen zu, aber zum ersten Mal in seinem Leben war ihm beim Schlafen wohlig warm, und er fühlte sich sicher.

Autor: Steffi