Das verlorene Junge

Unsere tapfere Katze trifft im Wald auf den Fuchs. Dabei erfährt sie Haarstäubendes

„Dort vorne ist eine Lichtung!“, miaute Tiger und deutete mit dem Schwanz nach vorne. Seine Gefährtin beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten und  tatsächlich öffnete sich der Wald nach nur wenigen Schritten und der harte Boden unter ihnen wurde weicher und moosbewachsen. Die Bäume bildeten einen weitläufigen Kreis um sie und die Sonne blinzelte hinter einer Baumkrone hervor. Es war ein schöner Ort, voll von den unterschiedlichsten Gerüchen. Beere, die noch nie in einem Wald gewesen war, konnte viele Tiere und Pflanzen riechen und erkannte fast keinen einzigen Geruch.

Jetzt jedoch wurden alle Gerüche von etwas Starkem und Kräftigem überlagert. Eine scharfe Duftspur, frisch und unbekannt. Beere sah ihren Freund an, der mit einem Mal große Augen machte und instinktiv das Nackenfell sträubte. Irgendetwas war hinter ihr, deshalb drehte sich Beere vorsichtig um und sah sich einem hellroten Tier gegenüber. Es war um einiges größer als die beiden Katzen und sah mit der langen, spitzen Schnauze, den riesigen Ohren und den schwarzen Knopfaugen, die kampfbereit funkelten, sehr gefährlich aus. Der buschige, lange Schwanz des Tieres  schlug irritiert angesichts der Eindringlinge hin und her. 

Tiger ging sofort in Angriffshaltung, doch Beere zögerte. Irgendetwas an dem Tier stimmte sie nachdenklich. Es war ein Weibchen, und ein leichter Milchgeruch ging von ihr aus, überdeckt von etwas, das nach Verzweiflung und Angst roch. Mit einem Mal fragte sich Beere, wovor so ein gefährliches Tier Angst haben könnte.

„Tiger, warte!“, flüsterte sie ihrem Freund zu, dessen Krallen ausgefahren waren und bereit, sich in das rote Fell des Feindes zu bohren. „Sie hat Junge und Angst! Vielleicht ist kämpfen nicht der richtige Weg!“, drängte Beere. Doch der getigerte Kater knurrte nur und bevor Beere etwas dagegen unternehmen konnte, hatte er sich auf das Tier gestürzt. Tiger landete auf ihr und riss ihr sogleich einige rote Fellbüschel aus, dann schaffte es das Weibchen, ihn von sich zu werfen und fauchte wütend, während es langsam auf den am Boden liegenden Tiger zutrat.

„Stopp! Hört auf! Tiger, lass sie in Ruhe, sie hat Junge!“, rief Beere und sprang mit einem Satz zwischen die Beiden.
„Woher weißt du das?“, fauchte das rote Ding mit etwas abgehakter, zischender Stimme.
„Ich rieche es!“, gab Beere verlegen zu. Sofort entspannte sich ihr Gegenüber und ließ den Kopf traurig hängen. Hinter sich spürte die Katze, dass Tiger sich langsam aufrichtete.
„Ich hatte zwei Junge. Sie sind mir gestohlen worden…“
„Wer würde kleine Junge stehlen?“, fragte Beere entsetzt.
„Mein ehemaliger Gefährte. Er tut alles, um mir wehzutun. Ich suche sie schon seit Tagen, aber ich kann keine Spur von ihnen finden. Und übrigens bin ich eine Füchsin, Langohr ist mein Name.“
„Ich bin Beere und das ist Tiger. Wir sind von dem Ort, wo die Felllosen leben. Können wir dir irgendwie helfen?“
„Für meine Jungen gibt es keine Hoffnung mehr…“, mutlos wandte sich Langohr ab und trottete davon.
„Warte! Es tut mir Leid, dass ich dich angegriffen habe. Wir können dir suchen helfen. Zu dritt ist es besser als alleine!“, völlig überrascht sah Beere ihren Freund an. Der schien selbst etwas verwirrt von seinem Vorschlag zu sein, aber er sah Langohr fragend an. Die wirkte erfreut und nickte dankbar.
„Das würdet ihr tun? Es wäre wunderbar!“, sie seufzte leise.
„Dann ist es abgemacht, morgen fangen wir an!“

Autor: Steffi