Boris ist anders als die übrige Amselfamilie

Boris fühlt sich ausgestoßen aus der Familie Vogel und beschließt in den nahe gelegenen Wald zu gehen.

Boris wachte auf, als seine Geschwister laut zu schnattern begannen. Sofort hob er seinen Kopf unter dem Flügel hervor und sah sich blinzelnd um. Frida, Merle, Lui und Emil begrüßten gerade Mutter Amsel, die mit ein paar Würmern im Schnabel von einem Jagdausflug zurückgekommen war. Frida, das erstgeborene Junge, schnappte sich gleich den größten und fettesten Wurm aus dem Schnabel, während sich Lui und Emil um den zweitgrößten Wurm stritten. Unbeholfen hüpfte Boris, der so ganz anders als seine Geschwister aussah, zu seiner Mutter hinüber und versuchte, einen der übrigen Würmer zu ergattern. Er hatte einen riesigen Hunger und freute sich darauf, den Wurm zu verschlingen, aber gerade als er der Amselmutter einen Wurm aus dem Schnabel gezogen hatte, schubste ihn Lui, der noch immer mit Emil stritt, und Merle stahl ihm seinen Wurm.
„He!“, rief Boris, aber Merle gackerte nur höhnisch und hüpfte aus seiner Reichweite. Boris brummte unwillig, aber er regte sich schon gar nicht mehr auf. Denn dieses Verhalten war er gewohnt, wegen seines anderen Aussehens wurde er von seinen Geschwistern ständig gehänselt und bekam deshalb auch weniger Futter. Mama Amsel sagte es zwar nicht, aber wenn Besuch kam, versteckte sie Boris immer unter ihrem Gefieder. Wenn er sich dann doch einmal blicken ließ, reagierten die befreundeten Vögel meistens angewidert oder erschrocken. Boris konnte aber auch nichts dafür, dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern an manchen Stellen kahl war und außerdem größer und schlanker, während seine vier Geschwister klein, wuschelig und flauschig waren. In der Nacht musste er sich ganz eng an seine Mutter kuscheln, um nicht zu frieren, denn sein Pelz schützte ihn nicht vor der Kälte.

Aber in dieser Nacht besetzten Merle und Lui die Plätze ganz dicht bei seiner Mutter. Frida schubste ihn weg, als er sich neben sie legte und so stand Boris traurig neben der Amselmutter und ihren Küken.
„Ich gehöre hier nicht hin“, dachte er traurig. Boris war noch zu jung um zu verstehen, was seine Eltern immer beredeten, wenn ihre Küken schliefen, aber alleine wegen seines Aussehens wusste er, dass er nicht richtig in seine Familie hinein passte. Wenn sein Vater ihn ansah, konnte der junge Vogel die Ablehnung spüren und er wusste, dass auch seine Mutter ihn nicht so liebte wie seine Geschwister.
„Ich muss weggehen“, dachte er traurig. Im gleichen Atemzug fragte er sich: „Aber wohin?“
Langsam trat Boris an den Rand des Nestes und spähte hinunter. Zwar war es tiefe Nacht, aber der Mond schien hell am Nachthimmel und beleuchtete den großen Baum, der ihr Zuhause war. Ihr Nest war das Oberste und es ging weit, sehr weit nach unten. Vorbei an den vielen Nestern ihrer Nachbarn, bis zum Waldboden. Seine Eltern hatten Boris und seinen Geschwistern von diesem braunen Gebilde erzählt, in den auch ihr Baum mündete, aber Boris konnte sich nicht vorstellen wie etwas einen ganzen Wald tragen konnte. Schon immer war er sehr neugierig gewesen und die Geschichten, die Mutter und Vater ihnen erzählten, hatten ihn immer mehr fasziniert als seine Geschwister. Nicht nur der Waldboden, auch der Himmel faszinierte ihn. In ihrem Baum sahen sie hin und wieder kleine Stückchen von dem blauen, riesigen Zelt, das sich über dem Wald erstreckte und die Sonne und den Mond zum Vorschein brachte.
„Ich werde mich morgen Nacht auf den Weg machen“, dachte Boris entschlossen. Sein Herz klopfte rasend schnell, als er sich in einigem Abstand zu seiner Familie zusammenrollte und mit seinen Flügeln seinen Körper wärmte.

Autor: Steffi