Boris und die Adlerschwingen

Auf einem seiner Ausflüge landet Boris, der kleine Vogel auf einem geheimen Treffen bei den Adlerschwingen.

„Was machen wir jetzt?“, wollte Boris wissen.
Es war sein dritter Flug und zum ersten Mal waren sie länger unterwegs. Tiara hatte eine ganz geheimnisvolle Miene aufgelegt, als sie ihren Schützling geweckt hatte und seitdem löcherte der braungefiederte Vogel die riesige Graue durchgehend mit Fragen.
„Sei nicht so ungeduldig“, gurrte Tiara und legte einen Zahn zu, sodass Boris sich anstrengen musste, um ihr hohes Tempo zu halten. Ein starker Aufwind erfasste beide Vögel und trug sie ohne viel Anstrengung weiter, dann ging Tiara langsam in einen Sinkflug über und landete schließlich in der Nähe eines Wasserlaufes auf einem großen Laubbaum. Das Vogelküken, welches noch immer Schwierigkeiten bei den Landungen hatte, hätte fast das Gleichgewicht verloren, als sich seine kleinen Krallen um den Ast schlossen. Doch was sich ihm dann bot, ließ ihn dann fast wirklich vom Ast fallen.
Dutzende Vögel, alle mit gelben, stechenden Augen, sahen auf Tiara und Boris, denn sie waren inmitten einer Versammlung der größten Vögel gelandet, die Boris je gesehen hatte. Neben manch einem solchen Kerl sah selbst Tiara wie ein Winzling aus, und Boris schüchterten diese Vögel mehr ein, als er sich eingestehen wollte.
„Werte Adlerschwingen, dies hier ist Boris. Er ist nicht mein Küken, aber er gehört zweifelsohne zu unsereinen, wie ihr alle erkennen könnt.“, Tiara verbeugte sich während des Sprechens und drehte sich dabei in alle Richtungen, sodass sie jeden Vogel ansprach. „Was sind Adlerschwingen?“, fragte sich Boris, „Und was soll diese Versammlung?“

Doch er kam nicht dazu, seine Fragen auszusprechen, denn eine besonders große Vogeldame trat vor und flog mit einem Flügelschlag direkt auf einen Ast vor Boris und Tiara.
„Nun, kleiner Adler, was hast du zu sagen?“, fragte sie.
„Was ist ein Adler?“, fragte Boris das Erste, was ihm in den Sinn kam.
„Du bist ein Adler, wir alle sind Adler, genauso wie andere Vögel Eulen oder Spatzen oder Amseln sind!“, erklärte die Adlerdame belustigt.
„Ich bin keine Amsel?“, damit wandte sich der verwirrte Boris an Tiara, die liebevoll den Kopf schüttelte. Die anderen Vögel, oder Adler, wie Boris jetzt wusste, brachen in lautes Lachen aus, sodass der ganze Baum davon wiederhallte.

„Das hier ist die Versammlung der Adlerschwingen, das sind all jene Adler, die sich als würdig erwiesen haben, unserem hohen König als Krieger zu dienen. An dreißigsten Tag kommen in allen Teilen des Königsreiches die Adlerschwingen zusammen, um Neuigkeiten auszutauschen, Fähigkeiten zu überprüfen und jeweils die Krieger auszuwählen, die unserem edlen König direkt in seinem Turm dienen werden. Ich bin Rikia und die Leitende Offizierin der Adlerschwingen von den Silberflüssen. Tiara hier ist meine Stellvertreterin, die auch immer junge Adlerküken auswählt, die später in unsere Krallenspuren steigen können.“ Der braune Adler namens Rikia beendete die Rede, indem sie Boris freundlich zuzwinkerte.
„Das war jetzt viel Information für so eine kurze Zeit, was hältst du davon, wenn du die restliche Versammlung einfach zusiehst?“, schlug Tiara vor und Boris nickte mechanisch. Er war ein Adler, keine Amsel, wie er gedacht hatte. Und das hier waren alles seine Artgenossen. „Später werde ich vermutlich so aussehen wie Rikia oder Tiara“, dachte er und betrachtete die Adlerdamen. Tiaras Kopf und ihr Hals waren schneeweiß, während der restliche Körper einfarbig grau war und ihre Schwingen fast schwarz. Bei Rikia dagegen war der Körper dunkelbraun mit wenigen helleren Federn und außerdem war sie einer der größten Vögel hier.
„Hallo, Boris!“, eine Stimme schreckte den jungen Adler auf, und er wandte den Kopf. Neben ihm hockte ein hübsches Adlermädchen, das etwas größer als er selbst war und ihr Gefieder war heller als seines, sie steckte gerade mitten in der Mauser.
„Ich bin Wicky, ein Madagaskarseeadler. Freut mich, dich kennen zu lernen!“, plapperte sie gleich los. Boris nickte, während er die neue Information zu verarbeiten suchte. Das Ganze war ihm doch noch eine Nummer zu groß. Er war froh, als Tiara ihm mit dem Flügel winkte, dass sie sich jetzt wieder auf den Rückweg machen wollte und schwieg während dem Flug durch die Abenddämmerung, ganz ungewohnt für ihn.

Autor: Steffi