Boris der kleine Adler

Das fünfte Ei - Eigentlich hätte das Ausbrüten wie immer sein sollen, aber dann passierte beim fünften Ei das Unvorhergesehene...

Seit Tagen hütete Elfie ihre Eier nun schon. Es war das erste Mal, dass sie Eier gelegt hatte, deshalb war sie besonders stolz auf die fünf großen, runden Eier. Immer wieder kamen befreundete Waldvögel vorbei, bestaunten die Eier und gratulierten Elfie und ihrem Gefährten Ralf. Ralf brachte Elfie immer Würmer, da sie nicht wegkonnte und ihre Eier alleine lassen konnte. Auch an diesem Morgen war Ralf schon bald losgeflogen und Elfie passte sorgfältig auf, dass niemand ihrem Nest zu nahe kam. Das war auch eigentlich gar nicht so schwer, denn das Amselpaar bewohnte einen sehr weit oben gelegenen Ast und fast alle ihre Nachbarn hatten die Nester ein Stück weiter unten. Das machte Elfie und Ralf aber gar nichts aus, im Gegenteil, sie genossen die Ruhe. Es würde die letzte Zeit der Zweisamkeit sein, denn wenn die Küken erst einmal geschlüpft waren, gab es so etwas wie Ruhe nicht mehr.
Elfie spürte es sofort, als sich an diesem Morgen eines der Eier bewegte. Sie erstarrte und spähte dann vorsichtig unter sich, um zu erkennen, welches Ei das war. Wie sie schon vermutet hatte, war es das große Ei mit den schwarzen Sprenkeln. Elfie konnte es nicht sagen, aber sie hatte schon das Gefühl gehabt, dass dieses Küken zuerst schlüpfen würde. Aber dass es jetzt schon soweit war?
„Unsere Küken sind die ersten vom ganzen Baum!“, dachte Elfie stolz und beobachtete dann gespannt, was weiter geschah. Kurz überkam sie Angst, denn Ralf war immer noch nicht wieder zurück. Was sollte sie tun, wenn das Küken Hungerschrie?
Langsam, nur allmählich sprang das Ei auf, zuerst war da nur ein kleiner Riss, der immer größer wurde und schließlich steckte sich ein kleiner Schnabel hindurch.
„Hallo, mein Schatz!“, flüsterte Elfie dem Kleinen zärtlich zu. Es hatte etwas verklebtes, graues und weiches Gefieder, große Augen und einen kleinen, süßen Schnabel.
 

Nach und nach schlüpften auch die übrigen Küken aus den Eiern, nur das fünfte, erheblich kleinere Ei blieb noch verschlossen. Während Elfie über dem letzten Ei brütete und mit den Flügeln die übrigen vier Küken beisammen hielt, nahm Ralf die Glückwünsch ihrer Nachbarn und Freunde entgegen. Tatsächlich waren ihre Küken die allerersten der gesamten Nachbarschaft und das musste gefeiert werden. Nur Elfie schloss sich nicht den Feierlichkeiten an, sie behütete ihre Kleinen und gab auf das fünfte Ei Acht. Dabei überlegte sie sich auch gleich Namen für die vier Küken. Das Graue, welches als erstes geboren worden war, sollte Frieda heißen, während das dunkelgraue Merle und das schwarze Küken Lui hieß. Das vierte Küken, ein großes, graues Etwas mit dunkleren Punkten und Flecken bekam den Namen Emil.
Wenige Tage nach dem Schlüpfen seiner Geschwister, arbeitete sich auch das letzte Junge aus dem Ei heraus. Aber als es den Schnabel durch die Eierschale steckte, fiel Elfie vor Schreck fast aus dem Nest. Ihr fünftes Junges, sah völlig anders aus wie seine Geschwister. Es war hager und zerzaust, hatte braunes Gefieder und war von der Statur her viel kleiner und schlaksiger. Das war keine Amsel. Aber wie hätte ein fremdes Ei in ihr Nest kommen sollen? Elfie war ratlos und überlegte bereits, was sie mit dem Küken anstellen sollte, da stieß es plötzlich ein leises, schüchternes Piepsen aus und sofort erreichte es damit das Herz der Vogelmutter.
Auch wenn es nicht ihr Ei gewesen war, sie hatte es ausgebrütet und würde es aufziehen und lieben wie seine echte Mutter. „Boris“, flüsterte sie dem Kleinen ins Ohr und schubste es sanft zu den übrigen, schlafenden Küken hinüber.

Boris fühlt sich ausgestoßen aus der Familie Vogel und beschließt in den nahe gelegenen Wald zu gehen.

Boris wachte auf, als seine Geschwister laut zu schnattern begannen. Sofort hob er seinen Kopf unter dem Flügel hervor und sah sich blinzelnd um. Frida, Merle, Lui und Emil begrüßten gerade Mutter Amsel, die mit ein paar Würmern im Schnabel von einem Jagdausflug zurückgekommen war. Frida, das erstgeborene Junge, schnappte sich gleich den größten und fettesten Wurm aus dem Schnabel, während sich Lui und Emil um den zweitgrößten Wurm stritten. Unbeholfen hüpfte Boris, der so ganz anders als seine Geschwister aussah, zu seiner Mutter hinüber und versuchte, einen der übrigen Würmer zu ergattern. Er hatte einen riesigen Hunger und freute sich darauf, den Wurm zu verschlingen, aber gerade als er der Amselmutter einen Wurm aus dem Schnabel gezogen hatte, schubste ihn Lui, der noch immer mit Emil stritt, und Merle stahl ihm seinen Wurm.
„He!“, rief Boris, aber Merle gackerte nur höhnisch und hüpfte aus seiner Reichweite. Boris brummte unwillig, aber er regte sich schon gar nicht mehr auf. Denn dieses Verhalten war er gewohnt, wegen seines anderen Aussehens wurde er von seinen Geschwistern ständig gehänselt und bekam deshalb auch weniger Futter. Mama Amsel sagte es zwar nicht, aber wenn Besuch kam, versteckte sie Boris immer unter ihrem Gefieder. Wenn er sich dann doch einmal blicken ließ, reagierten die befreundeten Vögel meistens angewidert oder erschrocken. Boris konnte aber auch nichts dafür, dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern an manchen Stellen kahl war und außerdem größer und schlanker, während seine vier Geschwister klein, wuschelig und flauschig waren. In der Nacht musste er sich ganz eng an seine Mutter kuscheln, um nicht zu frieren, denn sein Pelz schützte ihn nicht vor der Kälte.

Aber in dieser Nacht besetzten Merle und Lui die Plätze ganz dicht bei seiner Mutter. Frida schubste ihn weg, als er sich neben sie legte und so stand Boris traurig neben der Amselmutter und ihren Küken.
„Ich gehöre hier nicht hin“, dachte er traurig. Boris war noch zu jung um zu verstehen, was seine Eltern immer beredeten, wenn ihre Küken schliefen, aber alleine wegen seines Aussehens wusste er, dass er nicht richtig in seine Familie hinein passte. Wenn sein Vater ihn ansah, konnte der junge Vogel die Ablehnung spüren und er wusste, dass auch seine Mutter ihn nicht so liebte wie seine Geschwister.
„Ich muss weggehen“, dachte er traurig. Im gleichen Atemzug fragte er sich: „Aber wohin?“
Langsam trat Boris an den Rand des Nestes und spähte hinunter. Zwar war es tiefe Nacht, aber der Mond schien hell am Nachthimmel und beleuchtete den großen Baum, der ihr Zuhause war. Ihr Nest war das Oberste und es ging weit, sehr weit nach unten. Vorbei an den vielen Nestern ihrer Nachbarn, bis zum Waldboden. Seine Eltern hatten Boris und seinen Geschwistern von diesem braunen Gebilde erzählt, in den auch ihr Baum mündete, aber Boris konnte sich nicht vorstellen wie etwas einen ganzen Wald tragen konnte. Schon immer war er sehr neugierig gewesen und die Geschichten, die Mutter und Vater ihnen erzählten, hatten ihn immer mehr fasziniert als seine Geschwister. Nicht nur der Waldboden, auch der Himmel faszinierte ihn. In ihrem Baum sahen sie hin und wieder kleine Stückchen von dem blauen, riesigen Zelt, das sich über dem Wald erstreckte und die Sonne und den Mond zum Vorschein brachte.
„Ich werde mich morgen Nacht auf den Weg machen“, dachte Boris entschlossen. Sein Herz klopfte rasend schnell, als er sich in einigem Abstand zu seiner Familie zusammenrollte und mit seinen Flügeln seinen Körper wärmte.

Boris wagt den ersten Flugversuch aus seinem Nest und bekommt unerwartet Hilfe

In der nächsten Nacht konnte Boris nicht schlafen. Den ganzen Tag lang war Tante Ella von dem Ast ein Stockwerk unter ihnen zu Besuch gewesen, gemeinsam mit ihren drei Küken Jana, Jessica und Jody. Dabei war es rund gegangen, denn Boris‘ Geschwister hatten die andere Küken noch nicht kennen gelernt. Sie hatten den ganzen Tag geschnattert und mit ihren kurzen Flügelchen geschlagen, während ihr grauer Bruder sich aus ihrem Blickfeld gehalten hatte und sich vor den Nachbarn versteckt hatte.

Deshalb genoss Boris jetzt die stille Nachtluft, während er sich überlegte, wie er am besten so schnell wie möglich auf den Waldboden gelangen konnte. Er hatte oft gesehen, wie seine Eltern flogen, aber er selbst hatte es noch nicht ausprobiert. Konnte er es schon wagen? Zwar hatte Mama Elfie ihre Jungen unzählige Male ermahnt, nicht aus dem Nest zu fallen und schon gar nicht zu fliegen ehe sie bereit dazu waren. Boris schüttelte den Kopf. Es war gewiss nicht weit bis nach unten. „Schaden kann’s nicht“, murmelte Boris und schloss die Augen. Dann sprang er und streckte seine Flügel zur Seite aus. Es war ein merkwürdiges Gefühl, denn unter ihm war nichts, nur die schwarze Nachtluft. Boris schlug mit den Flügeln, aber es passierte nichts. Er versuchte, sich zu erinnern, wie seine Eltern das anstellten, aber da begannen seine Flügel, heftig zu ziehen. Sofort riss Boris die Augen auf, zog seine Flügel ein wenig ein, doch das hatte nur zur Folge, dass er sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte und unkontrolliert nach links und rechts kippte.
Das Herz schlug dem kleinen Vogel bis zum Hals, während er immer schneller wurde und sich in der Luft überschlug. Er begann, lauthals zu schreien und um Hilfe zu rufen, aber keine Laute drangen aus seinen Schnabel. Boris konnte nicht mehr tun, als seine Augen zu schließen und zu warten, bis es vorbei war. 

Als Boris die Augen wieder öffnete, stellte er verwundert fest, dass er keineswegs auf einem festen Untergrund lag, der weich und warm war, sondern in einem seltsam harten Ding gefangen war, das sich auf und ab bewegte. „Wo bin ich?“, fragte er leise. Dies konnte nicht der Waldboden sein! In diesem Moment ging Boris ein Licht auf. Der Wind, der vorbeizischte, die immer gleichen, rhythmischen Bewegungen, die Geräusche der Flügel… Er flog!
„In Sicherheit!“, die gemurmelte Stimme kam von irgendwoher und überall, sie klang scharf und hart, hatte aber etwas Sicheres in seiner Stimme.
„Wohin bringst du mich?“
„Zu meinem Nest.“ Offenbar hatte der Vogel, in dessen Schnabel Boris steckte, nicht großes Interesse, zu reden. So schloss Boris wieder seine Augen und bewegte sich ein wenig, um bequemer zu liegen. Langsam wurde er müde, denn wieder hatte er in dieser Nacht noch nichts geschlafen.
So bekam der kleine Vogel nicht mehr mit, wie sie auf einem hohen Baum landeten, und wie er sanft hinein gelegt wurde. Einmal öffnete er ein Auge, als sich der große Vogel neben ihn legte und ihn mit seinen Flügeln zudeckte, dann fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

Boris macht Bekanntschaft mit seiner Retterin und stellt fest, dass er in einem anderen Nest gelandet ist

„Wer bist du? Und wo bin ich?“, waren die ersten beiden Fragen, die Boris über den Schnabel kamen, als er seine Augen aufschlug und den riesigen, grauen Vogel ansah. Es war eine Vogel-mutter, wie seine eigene, doch sie sah ganz anders aus als alle Vögel, die Boris kannte. Sie hatte lange, riesige Schwingen, einen gelben, spitzen Schnabel und stechende, gelbe Augen, die ihn jetzt unverwandt anblickten.
„Mein Name ist Tiara und du bist in Sicherheit, kleiner Vogel.“, sie erhob sich langsam und löste die Umarmung, mit der sie Boris in der Nacht gewärmt hatte. Aber Boris‘ Neugierde war noch lange nicht gestillt. „Wo bin ich?“, fragte er weiter und blickte sich um, in der Hoffnung, etwas zu erkennen. Aber um ihn herum war nicht viel, außer grauen, glatten Dingern, die hinter ihnen den gesamten Himmel bedeckten, und vor ihnen war nichts, nur hellblaue Leere. „Das ist also der Himmel!“, dachte Boris staunend, als er das unendliche Blau betrachtete. Er hüpfte nach vorne, um es genauer zu betrachten, aber Tiara versperrte ihm mit ihren Flügeln den Weg.

„Vorsicht!“, rief sie scharf und das kleine Vogelküken zuckte zusammen, „Ein falscher Schritt und du bist tot!“
„Tot?“, fragte Boris, der jetzt etwas verängstigt war. Tiara nickte streng, und zog ihren Flügel wieder zurück, so dass Boris über die Kante des Nestes spähen konnte. 

Ihm wurde beinahe schlecht, als er hinab sah. Zwar wusste er nicht, wie hoch sie hier, inmitten des grauen Waldes waren, aber das Grün der Bäume lag soweit unter ihnen, dass Boris nicht einmal einen einzelnen Baum ausmachen konnte. „Wo bin ich?“, fragte er erneut.
„Das hier ist der große Sonnenfels!“, erklärte Tiara.
„Der große Sonnenfels…“, wiederholte Boris langsam. Die Worte fühlten sich merkwürdig in seinem Mund an. Was war dieser Sonnenfels genau? Und was war dieser merkwürdige, graue Wald?
„Kleines Küken, das hier um uns herum sind Felsen, diese grauen Gebilde“, Tiara lächelte und dabei blitzten ihre Augen.
„Felsen... Warum hast du mich hierher gebracht?“, die Fragen, die in dem kleinen Vogel tobten, wurden nicht weniger, und er wusste kaum, welche er zuerst stellen sollte.
„Hätte ich dich nicht gesehen, wärst du jetzt schon tot!“, sagte sie mit ernster Stimme. Das leuch-tete Boris ein. Der Atem stockte ihm, als er daran dachte, wie nahe er dem Tode gewesen war.
„Danke!“, sagte er mit schwacher Stimme. Tiara nickte, dann spähte sie in die Ferne.
„Du musst noch viel lernen, wenn du hier überleben willst. Aber das wird schon, kleiner Vo-gel!“, erneut lächelte die Vogelmutter mild, und Boris fühlte sich gleich viel wohler. „Kann ich bei dir bleiben?“
„Natürlich, kleiner Vogel. Du hast Mut und Talent, obwohl du noch so jung bist. Ich werde dir alles lernen, was du wissen musst und dann werden wir gemeinsam die Welt erkunden“
„Wirklich?“, Boris verstand zwar nicht alles, was Tiara sagte, aber er vertraute ihr. Langsam fie-len Boris wieder die Augen zu, aber zum ersten Mal in seinem Leben war ihm beim Schlafen wohlig warm, und er fühlte sich sicher.

Boris lernt er endlich fliegen und ein neues Abenteuer beginnt

„Boris, aufwachen!“, die sanfte Stimme weckte den kleinen Vogel. Er blinzelte verschlafen, dann war er mit einem Mal völlig wach.
„Was machen wir heute?“, fragte er Tiara. Sie lachte leise, dann deutete sie mit einer ihren großen Schwingen nach unten.
„Heute lernst du fliegen.“ Boris‘ Schnabel klappte auf. Er sollte fliegen lernen? „Aber wie…?“, fragte er verwirrt. „Mama hat gesagt…“, doch mitten im Satz verstummte er, denn seine Mama war nicht mehr seine Mama.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Tiara ruhig und sah Boris aus ihren gelben, großen Augen an.
„Sie hat gesagt, wir dürfen nicht fliegen. Wir sind noch nicht alt genug, hat sie gesagt.“ Boris schluckte, als er daran dachte, dass er seine Mutter nie wieder sehen würde.
„Auf deine Geschwister trifft das zu, aber du bist anders als sie. Du bist groß genug, um fliegen zu lernen, Boris.“
Mit diesen Worten erhob sich Tiara und schwang sich in die Lüfte. Boris sah ihr atemlos zu, wie sie von einem Luftzug erwischt wurde und sich von diesem hochtragen ließ. Nach wenigen Minuten landete sie wieder im Nest und sah Boris auffordernd an.
„Mach, was dein Herz dir sagt. Lass dich von der Thermik treiben, es kann dir gar nichts passieren. Du hast es im Blut, Boris!“ Tiara nickte ihm zu und wartete dann, was Boris tat. 

Sein Herz raste, als er an den Rand des Nestes trat und einen Moment überlegte er, wie es wohl wäre, hinunter in die Felsen zu stürzen. Zwar kannte er sich mit den grauen Bäumen noch nicht gut aus, doch konnte er von ihr oben genau erkennen, wie scharf und spitz die Felsen waren und wie gefährlich es war, auf den Erdboden zu fallen. Dann spannte er seine kleinen Flügel, die von grauem, unregelmäßigem Gefieder überzogen waren, und flatterte ein paar Mal mit ihnen auf und ab.
„Auf drei. Eins… Zwei… Drei!“, dachte der kleine Vogel dann konzentriert. Als er bei Drei angelangt war, hüpfte er nach vorne und schloss dabei die Augen. Erneut spürte er dieses Gefühl, zu fallen. Doch Tiaras Worte spukten in seinem Kopf umher und er tat, was sie ihm gesagt hatte und ließ seinem Instinkt freie Bahn.
Plötzlich riss er die Augen auf, wie durch ein Wunder bewegten sich seine Flügel auf und ab und er stieß immer höher in die Lüfte. Der Himmel über ihm war so nah, und doch so fern. Die Luft roch frisch und klar, Wind zauste sein Gefieder und ein Glücksgefühl breitete sich in ihm aus. Das war es, wofür er geboren war. Hier in der Luft zu sein war seine wahre Bestimmung.
„Ich fliege!“, rief er laut und lachte auf. Dann war Tiara neben ihm und lachte mit ihm, teilte seine Freude. Hier in den hohen Lüften kam er sich groß vor, und überlegen. Keines seiner Geschwister konnte so schnell und so hoch fliegen, nicht so geschwind aus der Höhe hinabstürzen und sicher sah auch keines seiner Nestgefährten jede Einzelheit auf dem Erdboden so wie er.
„Und jetzt zeige ich dir den Wald und den Fluss!“, rief Tiara ihm zu und legte im gleichen Moment die Flügel an, sodass sie blitzschnell nach vorne schoss. Boris kam leicht ins Trudeln, als er es ihr nachtat, doch aufgrund seiner Leichtigkeit trug ihn der Wind schneller vorwärts als Tiara, sodass er sie bald wieder eingeholt hatte.
Tiara wandte sich zur Seite und sah ihn an: „Die Welt liegt uns zu Füßen, Boris. Wir sind die Herrscher der Lüfte!“

Das geheime Treffen bei den Adlerschwingen

„Was machen wir jetzt?“, wollte Boris wissen.
Es war sein dritter Flug und zum ersten Mal waren sie länger unterwegs. Tiara hatte eine ganz geheimnisvolle Miene aufgelegt, als sie ihren Schützling geweckt hatte und seitdem löcherte der braungefiederte Vogel die riesige Graue durchgehend mit Fragen.
„Sei nicht so ungeduldig“, gurrte Tiara und legte einen Zahn zu, sodass Boris sich anstrengen musste, um ihr hohes Tempo zu halten. Ein starker Aufwind erfasste beide Vögel und trug sie ohne viel Anstrengung weiter, dann ging Tiara langsam in einen Sinkflug über und landete schließlich in der Nähe eines Wasserlaufes auf einem großen Laubbaum. Das Vogelküken, welches noch immer Schwierigkeiten bei den Landungen hatte, hätte fast das Gleichgewicht verloren, als sich seine kleinen Krallen um den Ast schlossen. Doch was sich ihm dann bot, ließ ihn dann fast wirklich vom Ast fallen.
Dutzende Vögel, alle mit gelben, stechenden Augen, sahen auf Tiara und Boris, denn sie waren inmitten einer Versammlung der größten Vögel gelandet, die Boris je gesehen hatte. Neben manch einem solchen Kerl sah selbst Tiara wie ein Winzling aus, und Boris schüchterten diese Vögel mehr ein, als er sich eingestehen wollte.
„Werte Adlerschwingen, dies hier ist Boris. Er ist nicht mein Küken, aber er gehört zweifelsohne zu unsereinen, wie ihr alle erkennen könnt.“, Tiara verbeugte sich während des Sprechens und drehte sich dabei in alle Richtungen, sodass sie jeden Vogel ansprach. „Was sind Adlerschwingen?“, fragte sich Boris, „Und was soll diese Versammlung?“

Doch er kam nicht dazu, seine Fragen auszusprechen, denn eine besonders große Vogeldame trat vor und flog mit einem Flügelschlag direkt auf einen Ast vor Boris und Tiara.
„Nun, kleiner Adler, was hast du zu sagen?“, fragte sie.
„Was ist ein Adler?“, fragte Boris das Erste, was ihm in den Sinn kam.
„Du bist ein Adler, wir alle sind Adler, genauso wie andere Vögel Eulen oder Spatzen oder Amseln sind!“, erklärte die Adlerdame belustigt.
„Ich bin keine Amsel?“, damit wandte sich der verwirrte Boris an Tiara, die liebevoll den Kopf schüttelte. Die anderen Vögel, oder Adler, wie Boris jetzt wusste, brachen in lautes Lachen aus, sodass der ganze Baum davon wiederhallte.

„Das hier ist die Versammlung der Adlerschwingen, das sind all jene Adler, die sich als würdig erwiesen haben, unserem hohen König als Krieger zu dienen. An dreißigsten Tag kommen in allen Teilen des Königsreiches die Adlerschwingen zusammen, um Neuigkeiten auszutauschen, Fähigkeiten zu überprüfen und jeweils die Krieger auszuwählen, die unserem edlen König direkt in seinem Turm dienen werden. Ich bin Rikia und die Leitende Offizierin der Adlerschwingen von den Silberflüssen. Tiara hier ist meine Stellvertreterin, die auch immer junge Adlerküken auswählt, die später in unsere Krallenspuren steigen können.“ Der braune Adler namens Rikia beendete die Rede, indem sie Boris freundlich zuzwinkerte.
„Das war jetzt viel Information für so eine kurze Zeit, was hältst du davon, wenn du die restliche Versammlung einfach zusiehst?“, schlug Tiara vor und Boris nickte mechanisch. Er war ein Adler, keine Amsel, wie er gedacht hatte. Und das hier waren alles seine Artgenossen. „Später werde ich vermutlich so aussehen wie Rikia oder Tiara“, dachte er und betrachtete die Adlerdamen. Tiaras Kopf und ihr Hals waren schneeweiß, während der restliche Körper einfarbig grau war und ihre Schwingen fast schwarz. Bei Rikia dagegen war der Körper dunkelbraun mit wenigen helleren Federn und außerdem war sie einer der größten Vögel hier.
„Hallo, Boris!“, eine Stimme schreckte den jungen Adler auf, und er wandte den Kopf. Neben ihm hockte ein hübsches Adlermädchen, das etwas größer als er selbst war und ihr Gefieder war heller als seines, sie steckte gerade mitten in der Mauser.
„Ich bin Wicky, ein Madagaskarseeadler. Freut mich, dich kennen zu lernen!“, plapperte sie gleich los. Boris nickte, während er die neue Information zu verarbeiten suchte. Das Ganze war ihm doch noch eine Nummer zu groß. Er war froh, als Tiara ihm mit dem Flügel winkte, dass sie sich jetzt wieder auf den Rückweg machen wollte und schwieg während dem Flug durch die Abenddämmerung, ganz ungewohnt für ihn.

Auf dem Weg zum Schützling

„Sehe ich dann Wicky wieder?“, fragte Boris aufgeregt. Ein voller Monat war vergangen, seit er mit den Adlerschwingen von den Silberflüssen Bekanntschaft gemacht hatte und seitdem hatte er jeden Tag trainiert, um bald der Gemeinschaft beitreten zu können. Dabei ging ihm vieles durch den Kopf, denn der junge Adler, Boris wusste ja nun, dass er ein Adler war, war ungeheuer neugierig auf die Welt. Er wollte Gutes tun und dafür sorgen, dass es allen Vögeln gut ging und nie mehr mitansehen müssen, wie ein Vogelküken vernachlässigt wurde oder sich dazu entschloss, seine Familie zu verlassen. Außerdem wollte Boris mehr von der Welt sehen und das ganze Königreich der Adler erforschen. Vielleicht konnte er dabei auch seine wirkliche Familie finden. Letzteres ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, denn war er erst ein Krieger des hohen Königs, standen ihm alle Wege offen und jeder würde ihn respektieren.
Heute stand ein erneutes Zusammentreffen der Adlerschwingen bevor. Boris war furchtbar aufgeregt und konnte ihren Abflug kaum noch erwarten, während Tiara eher besorgt wirkte und ziemlich still war.
„Ja, natürlich. Sie ist der Schützling von Rikia. Aber du wirst heute mehr erfahren und auch offiziell zum Schützling ernannt werden. Deshalb machen wir uns jetzt auf den Weg, sonst kommen wir zu spät!“, Tiara breitete ihre Schwingen aus und flog davon in den Abendhimmel. Normalerweise flogen sie ja immer tagsüber, aber die Versammlung der Adler war eine Ausnahme. Boris folgte ihr und erreichte mühelos einen Aufwind, der ihn schnell weiter trug. Inzwischen war er ein geübter Flieger, beherrschte alle möglichen Flugmanöver und war auch in seiner Ausbildung über Tier- und Pflanzenwesen weit vorangekommen. „Tiara ist eine tolle Lehrerin!“, dachte Boris, als er hinter ihr herflog. Er wusste auch alles über die Seeadler, deren Gattung alle Adlerschwingen von den Silberflüssen angehörten. Natürlich gab es auch andere Adlerschwingen in anderen Teilen des Königreiches, und dort gab es auch andere Adlerarten, aber hier lebten nur die Seeadler. Boris wusste jetzt auch, dass Tiara ein Schreiseeadler war, während er zu den Weißkopfseeadlern gehörte.

„Versammlungsbaum in Sicht!“, rief Boris begeistert, als er den großen Baum erblickte, an den er sich noch vage erinnern konnte. Wenig später schon landeten Tiara und er dort, wo sich schon fast alle anderen Adler versammelt hatten.
„Hallo Boris!“, rief die Madagaskarseeadlerin Wicky, die mehr als zwei Köpfe kleiner als Boris war, ihm zu und hüpfte wenig später auf den Ast, auf dem Boris sich nieder gelassen hatte. Boris erwiderte den Gruß, doch zu einer längeren Unterhaltung hatten sie keine Zeit, da Rikia, die leitende Offizierin das Wort ergriffen hatte: „Wir Adlerschwingen von den Silberflüssen haben uns heute hier versammelt, um zwei junge Adler in unsere ehrwürdige Gemeinschaft aufzunehmen, damit sie lernen, Gutes zu tun und selbstlos ihren Beitrag für eine gerechte Welt geben. Wicky, Boris, tretet vor!“
Mit klopfendem Herzen und zitterndem Schnabel trat Boris vor, an seiner rechten Seite hüpfte Wicky begeistert auf und ab.
„Gelobt ihr, den Gesetzen unseres hohen Königs Errich vom Dreikronenbaum Folge zu leisten und euer Leben im Kampf gegen das Böse zu geben?“
„Wir versprechen es!“, Boris hatte von Tiara genaueste Anweisungen erhalten, wie er sich zu verhalten hatte, wenn Rikia ihn das fragte.
„So seid ihr nun offiziell Schützlinge der Adlerschwingen von den Silberflüssen und lernt von jetzt an, was es heißt, tapfer und treu hinter dem König zu stehen!“
„Ein Hoch auf Boris und Wicky!“, murmelten die Adler gleichzeitig. Dann herrschte eine Minute lang Stille, während der Boris die Augen schloss und in den Abendhimmel sah. Jetzt konnte er endlich all das Lernen, was eine Adlerschwinge wissen musste, um gegen Unrecht und Betrug zu kämpfen. Rikia und Tiara würden ihm und Wicky jetzt in die tiefen Geheimnisse der Adler einweihen und bald konnte er sich auf die Suche nach seiner wahren Familie machen.

Boris bekommt einen Auftrag

„Ich glaube es einfach nicht!“, Wicky war außer sich vor Freude. Sie schlug einen Looping in der Luft und ließ sich ein paar Flügelspannweiten nach unten fallen, nur um kurz darauf wieder neben Boris aufzutauchen. Ihr Freund betrachtete ihre begeisterten Flugmanöver amüsiert und dachte daran, wie Tiara ihnen heute Morgen die Aufgabe erklärt hatte, die sie heute erledigen sollten. Es war ihr erster Ausflug ohne einen ausgewachsenen Adler und beiden Jungvögel waren äußerst stolz und gleichzeitig tierisch nervös. Was war, wenn sie einen Fehler machten? Aber Boris war sich inzwischen fast sicher, dass sie keinen Patzer machen würden. Bis hierhin hatte jedenfalls alles funktioniert. Sie waren dem Flusslauf des Schwarzbeerflusses gefolgt, hatten die Felsenallee hinter sich gelassen und flogen nun direkt auf den Wald der Nebelschleier zu.
„Dieser Wald ist unser Ziel“, dachte Boris leicht beunruhigt. Selbst in der strahlenden Nachmittagssonne ging von dem Wald ein eigenartiges Leuchten aus. Die Nebelschwaden, die selbst jetzt noch in den Bäumen hingen, schienen den jungen Adler wie magisch anzuziehen, und ohne seinen Flügeln einen direkten Befehl zu erteilen, trugen sie ihn tiefer und näher auf den geheimnisvollen Nebel zu.
„Boris, was machst du da?“, hörte er die Stimme seiner Freundin wie aus weiter Ferne, aber Boris achtete nicht darauf.
„Komm zu mir, junger Adler! Komm Boris, Sohn des ersten Ritters und letzten Edelmannes. Komm und sing mit uns das ewige Lied der Nacht!“, es war unbeschreiblich. Boris konnte sich nicht erklären, von wo die Stimme gekommen war, aber mit einem Mal war sein Kopf erfüllt von Nebel und Dunkelheit. Er konnte nicht mehr klar denken, die wunderschöne Stimme verwirrte ihn zutiefst. Wer hatte ihn da gerufen und besonders, WAS hatte dieser Jemand da gerufen? Alles war so weit weg, jeder Gedanken war schwierig zu fassen und der Nebel nahm ihm die Sicht…

„Boris, hörst du mich? Wir müssen hier weg, ganz schnell!“ Er sah Wicky und er hörte auch, was sie sagte, aber Boris begriff keines ihrer Worte.
„Boris, wir fliegen jetzt sofort von hier weg!“, der Angesprochene wandte den Kopf und sah den Madagaskarseeadler aus verschleierten, gelben Augen an. Dann sah Wicky, wie ihr Freund langsam begriff was sie gesagt hatte. Dieser beunruhigende Nebel verschwand aus seinem Blick und er konnte offensichtlich wieder klar denken.
„Nichts wie weg!“, murmelte er leise und schlug kräftig mit den Flügeln, um schnell an Höhe zu gewinnen. Wicky folgte ihm schweigend. Erst, als sie wieder die Sonne auf dem Gefieder spürten, setzte sie an: „Was hast du da im Schnabel?“
Hätte sie ihn nicht darauf aufmerksam gemacht, hätte er die lange, blaue Feder in seinem Schnabel nicht bemerkt. Jetzt betrachtete er sie eingehend, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wie diese in seinen Schnabel gekommen war.
„Wir sollten zu Tiara zurückfliegen, es wird schon dunkel.“
„Und was ist mit dem Auftrag? Wir müssen doch Blue finden und Tiara eine Nachricht von ihm überbringen…“, Boris grummelte vor sich hin, denn eigentlich wusste er, dass es keinen Sinn hatte, jetzt noch weiter nach Blue zu suchen. Die lange Feder war das einzige, dass sie Tiara vorweisen konnten und die würde nicht gerade begeistert über den Fehlschlag ihres Auftrags sein, aber sie hatte die beiden Jungvögel auch davor gewarnt, nach Einbruch der Dunkelheit über den Wald der Nebelschleier zu fliegen, und Blue musste sich irgendwo in diesem Wald befinden.

Boris‘ Herz klopfte wie wild, als Wicky und er die Berge erreichten, in denen sie lebten und auf den Horst zusteuerten, wo Tiara und Boris ihr Nest hatten.
„Da seid ihr ja endlich!“; rief diese zur Begrüßung. Sie strahlte beim Anblick der Jungvögel, und Erleichterung machte sich in ihr breit. „Es tut uns Leid, Tiara“, erklärte Boris bedrückt und wollte schon weitersprechen, als die bunte Feder aus seinem Schnabel fiel und langsam in das Nest segelte.
„Gratuliere, Boris und Wicky, ihr habt den Auftrag glänzend bestanden!“
„Aber wir…“, fing Wicky an.
„Die ist eine Feder und gleichzeitig eine Nachricht von Blue. Sie lässt sich nie blicken, nur durch ihre Federn hinterlässt sie Zeichen…“
„Das heißt, Blue hat mir diese Feder gegeben?“, fragte Boris verwundert nach. Aals Tiara nickte, sahen sich Wicky und er verwundert an, aber Tiara erklärte dies nicht weiter.
„Schlaft gut, meine Lieben.“
Doch Boris schlief lange nicht ein, immer wieder musste er an die rätselhafte Stimme denken und an die Worte, die er immer noch nicht begreifen wollte…

Boris beim gerechten König

„Es heißt, dass König Errich vom Dreikronenbaum zu jener Stunde in der Nacht geboren wurde, als der Mond von der Erde völlig verdeckt war. Mondfinsternis nennt man dies. König Errich war schon immer ein merkwürdiges Adlerküken gewesen, und seine Eltern wussten schon seit seinem Schlüpfen, dass er zu etwas Besonderem bestimmt war. Denn der junge Errich war viel reifer und klüger als alle ihre bisherigen Küken. Kurz nachdem er flügge geworden war, verließ er das elterliche Nest und gründete die Adlerschwingen, um den damaligen König Richat zu unterstützen. König Richat ernannte ihn bald zu seinem Ratgeber und so erkundete Errich unter seinem König das ganze Königreich und noch viel mehr, denn König Richat schickte ihn auch in das benachbarte Königreich der Eulen, um den Friedensvertrag zu festigen und um Erkundungen wegen der hinterlistigen Raben anzustellen. König Richat wurde alt und war bald zu schwach, um es mit den Raben aufzunehmen. Der große Kampf, der daraufhin folgte, heißt von nun an nur mehr ‚der schwarze Krieg‘. Unter Errich besiegten die Adlerschwingen die Krieger der Raben, und fortan nannte man ihn ‚Rabentöter‘. Als König Richat starb, wurde unter dem Volk der Adler einstimmig Errich als neuer König gefordert und seitdem regiert er unser Land weise und gerecht.“
Tiara endete mit ihren Erzählungen über König Errich und Boris und Wicky verarbeiteten schweigend die neuen Informationen über ihren edlen König, dem sie die Treue geschworen hatten. Dann fragte Wicky zögerlich: „Warum hast du uns das jetzt erzählt?“
„Gute Frage. Wir fliegen jetzt zum Dreikronenbaum und besuchen König Errich.“, Tiara blickte die zwei jungen Adler an, welche die Augen vor Überraschung weit aufrissen. Boris wäre beinahe von dem Ast gefallen, auf dem sie nach dem morgendlichen Flugtraining Rast gemacht hatten.
„Kommt, der König erwartet uns schon!“ Damit schwang sie sich in die Lüfte und die zwei Jungvögel hatten Mühe, ihr zu folgen.

Sie mussten gar nicht mehr lang fliegen, da sahen sie schon einen gewaltigen Baum, größer als alle anderen, die Boris je gesehen hatte. Jetzt verstand er auch, was mit der Bezeichnung „Dreikronenbaum“ gemeint war. Tatsächlich hatte König Errichs Palast drei Kronen, welche sich vom Hauptstamm abzweigten. Der Baum war wunderschön, trug große, dunkelgrüne Blätter und noch einige Blüten, die vom Frühling noch übrig geblieben waren. Einige Adler, grau, braun oder gefleckt, saßen auf den Ästen und blickten grimmig umher. Die Wachen beobachteten Tiara, und ließen kein Zeichen des Erkennens in ihren gelben Augen aufleuchten. Erst; als sie ganz nahe waren, trat ein großer Seeadler beiseite und nickte Tiara zu.
„Seine Hohheit erwartet euch“, murmelte er mit tiefer Stimme. Boris‘ Herz klopfte rasend schnell und auch Wicky wirkte beunruhigt, als sie langsam den Stamm hinunterflogen, bis hin zu einer großen Öffnung, die von bunten Ranken umgeben und von drei Madagaskarseeadlers bewacht wurde. Diese traten ebenfalls zur Seite, und die zwei Jungvögel folgten Tiara, als sie landete und langsam in die Höhle vordrang.
Es dauerte ein wenig, bis sich die Augen der drei an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann konnten sie die Einrichtung der Königshöhle erkennen. Einige Wachen standen unbewegt da als wären sie Statuen und ein Teppich aus roten Weinblättern zeigte den Weg zu einem großen, vergoldeten Stuhl, auf dem ein mächtiger Weißkopfseeadler trohnte.

König Errich sah fast so aus, wie Boris ihn sich vorgestellt hatte. Er war riesig und hatte einen Kranz aus goldenen Blättern auf dem Haupt, vor sich lag ein aufgeschlagenes Buch, in dem er las, und bei ihrem Eintreten lächelte er.
„Liebste Tiara!“, rief er erfreut und flog mit drei Flügelschlägen auf die Adlerin zu. Tiara neigte höflich den Kopf, und ihre Augen strahlten, was Boris vermuten ließ, dass die beiden sich gut kannten.
„Also ihr seit Boris und Wicky.“, stellte der König fest, als sich auch die anderen beiden vor ihm verneigt hatten. Boris nickte überrascht, woher wusste er das? König Errich sprach jedoch gleich weiter und die Frage erübrigte sich dadurch: „Tiara hat mir einiges über euch erzählt und da ich euch für sehr vielversprechende, junge Krieger halte, habe ich einen Auftrag für euch. Ihr müsst für mich ins Land der Eulen fliegen und nach meiner Herzdame, einer Adlerdame namens Fee suchen.“

Auf dem Weg zur Adler-Fee

Sie flogen schweigend los und beiden war die Wichtigkeit ihres Auftrages völlig bewusst. Boris dachte an König Errich und an Fee, die sie für ihn suchen sollten, während Wicky sich die Wegbeschreibungen, die sie bekommen hatten, in Erinnerung rief.
„Da vorne müssen wir jetzt links dem Flusslauf folgen!“, rief sie ihrem Gefährten zu, und beide drehten ab, um im Tiefflug über das schillernde Wasser zu gleiten.
„Traumhaft!“; schwärmte Wicky, als sie ihre Zehen nach unten streckte und das Wasser aufwühlte.
„Ich bin dafür, dass wir hier eine Pause machen!“, Boris hatte nämlich gerade zwei Mäuse entdeckt, die am Ufer des Flusses vergnügt die Sonne genossen und sein Magen hatte dabei angefangen, heftig zu knurren. Da Wicky einverstanden war, griffen sie die beiden Mäuse lautlos an und verspeisten ihr Mittagsmahl, ehe sie eine kurze Rast einlegten. Wicky döste ein, während Boris Wache hielt. Denn wie sie während ihrer bisherigen Ausbildung gelernt hatten, konnten Gefahren überall lauern. Tatsächlich regte sich nach einiger Zeit etwas. Boris hielt den Atem an und lauschte konzentriert, während er sich vorsichtig umsah.
Und dann entdeckte er die hellgelben Augen. Vor Überraschung wäre Boris fast vom Ast gefallen. Noch nie hatte er solche hellen Augen gesehen. Fast weiß waren sie, im Regensatz zu dem Körper des Adlers, der rabenschwarz war. War es überhaupt ein Adler? Ja, dessen war sich Boris sicher. „Aber welcher Adler hat so ein schwarzes Gefieder?“, fragte er sich. Doch trotzdem war die Adlerdame wunderschön. Sie starrte Boris einige Zeit lang nur an, mit einem traurigen, und doch neugierigen Blick, dann blinzelte er und sie war wieder verschwunden.

Aber es dauerte nicht einmal einen Tag, als Boris und Wicky erneut auf die schwarze Adlerin stießen. Diesmal sah auch Wicky sie, als sie gerade über eine hügelige Landschaft flogen. Die Schwarze flog hinter ihnen und nur durch Zufall fiel sie ihnen überhaupt auf. Dann jedoch flogen beide einen plötzlichen Looping und überraschten die Adlerin, als sie neben ihr auftauchten.
„Verfolgst du uns?“, waren Boris‘ erste Worte.
„Ja“, gab die Fremde mit klarer, heller Stimme zurück und lächelte verträumt.
„Wer bist du?“, fragte Wicky neugierig.
„Man nennt mich Asche. Ihr seid Krieger der Adlerschwingen, nicht wahr?“
„Der Name Asche passt zu ihr“, dachte Boris, während Wicky Asche zunickte. Beide schwiegen daraufhin und warteten, ob Asche erklären würde, warum sie ihnen folgte, denn sie hatten bei Tiara auch gelernt, dass man Fremden nie zu viel verraten durfte. Asche erzählte ihnen aber ihrerseits nicht viel über sich, sodass Boris nachfragte: „Warum verfolgst du uns?“
„Ihr seid die ersten Adler, die ich seit Hunderten von Nächten sehe. Da war ich neugierig“, Asche schlug mit den Flügeln.
„Und was hast du jetzt vor?“ Wicky war skeptisch. Ihr war die Fremde nicht so richtig sympathisch, das merkte Boris genau. Aber er konnte auch nichts dagegen tun, er fand die Art der schwarzen Adlerin faszinierend.
„Ich will gerne mehr über das Königreich von König Errich erfahren“, sagte sie mit leiser, hoffnungsvoller Stimme. Plötzlich kam sie Boris wie ein verlorenes Adlerküken vor, das er selbst doch vor so langer Zeit gewesen war. So begann er ihr zu erzählen, wie der gerechte König seine Adler regierte und den Frieden aufrecht erhielt.
Asche verschlang jedes seiner Worte und konnte gar nicht genug von seinen Erzählungen bekommen.
„Boris…“, flüsterte Wicky nach einiger Zeit. „Meinst du, es ist klug, ihr so vieles zu erzählen?“
„Keine Angst, schöne Schwinge. Du kannst mir vertrauen, ich will euch nichts Böses…“
Wicky schien das nicht zu reichen, und um seine Freundin nicht zu verärgern, hielt Boris den Mund und erzählte Asche nichts mehr. Er lud sie auch nicht ein, mit ihnen zu kommen, aber Asche folgte ihnen ganze drei Tage wie ein schwarzer Schatten und sprach auch nicht mehr viel. Dann war sie eines Morgens einfach so verschwunden.

Asche gibt unseren Freunden den entscheidenden Hinweis

Fee zu finden, war viel schwieriger, als sie gedacht hatten. Jeder andere Vogel, den sie nach der Adlerin fragten, hatte zwar schon einmal von der wunderschönen und äußerst klugen Fee gehört, aber niemand wusste, wo sie lebte. Ein Uhu wies Boris und Wicky mit den Worten nach Norden: „Fee lebt dort, wohin die Sonne sich nie verirrt“, während ein kleiner Spatz zwitscherte: „Ich habe sie neulich hier vorbeifliegen sehen, mit einer Schlange im Schnabel, also muss sie ihre Höhle nicht weit von hier haben!“
Aber Boris und Wicky wussten, dass sie den Vögeln keinen Glauben schenken durften. Der eine erzählte dies, der andere das. Seit einer Woche suchten sie nun schon und noch immer gab es keine Spur. Wie sollten sie auch einen Adler finden, den zwar jeder kannte, aber von dem niemand wusste, wo er sich aufhielt?
„Vielleicht hätte Asche etwas gewusst…“, murmelte Boris, als sie am achten Tag müde den Kopf unter die Federn steckten und sich eng aneinander kuschelten.
Wicky brummte nur und war bald darauf eingeschlafen. Aber Boris konnte nicht einschlafen. Er spürte, dass sie beobachtet wurden und damit hatte er Recht.
„Asche!“, rief er empört aus. Die schwarze Adlerin landete lautlos auf einem Ast ein Stück weit entfernt und blinzelte ihn traurig an.
„Was machst du hier?“, fragte Boris.

„Ich…“, Asche suchte nach Worten, dann senkte sie den Blick.
„Du bist Fee, nicht wahr?“, der Seeadler zuckte zusammen, er hatte gar nicht bemerkt, dass auch Wicky wach geworden war. Jetzt hielten beide Jungvögel den Atem an und warteten auf Asches Reaktion.
„Ich war nicht immer so schwarz. Früher hatte ich ein strahlend weißes Gefieder, aber dann… Dann war dieser Waldbrand und ich konnte nicht mehr rechtzeitig davon fliegen…“
„Oh Asche, ähm ich meine Fee, das tut mir so leid!“, Wicky hatte ehrliches Mitleid mit der Adlerin und auch Boris war geschockt. Sie schwiegen eine Weile, dann fragte Boris langsam: „Kommst du mit uns zurück?“
Es dauerte eine Weile, aber dann nickte Fee zögerlich. „Aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Ihr verratet niemandem, absolut niemandem, wer ich früher einmal war. Fee ist in dem Waldbrand gestorben, seitdem nennt man mich Asche.“
„Gut…“, Wicky nickte, dann streckte sie die Flügel. „Wir fliegen sofort zurück. König Errich wird uns schon erwarten!“ Dasselbe hätte auch Boris vorgeschlagen, deshalb flogen sie ohne weitere Unterbrechungen auf direktem Weg zurück zum Dreikronenbaum.

Die Wächter ließen sie durch, ohne eine Miene zu verziehen und als Boris hinter Wicky die Trohnhöhle erreichte, hatte sich König Errich schon von seinem Thron erhoben und blickte sich mit suchendem Blick um.
„Wo ist sie?“, fragte er drängend. Boris trat zur Seite, damit Asche durch den Eingang segeln konnte und die Augen des Königs weiteten sich.
„Du bist gekommen“, flüsterte er leise. Er hatte keine Probleme damit, sie wiederzuerkennen und auch ihr verändertes Aussehen schien ihm nichts auszumachen.
„Ja“, flüsterte Asche zurück und hielt in respektvollem Abstand inne und verbeugte sich vor ihrem König.
„Boris, Wicky, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich euch danke! Natürlich werdet ihr fürstlich entlohnt, aber das besprechen wir später. Wenn ihr uns nun alleine lassen wollt, wir haben viel zu bereden…“

Auf zu neuen Abenteuern

Boris und Wicky genossen das Leben im Dreikronenbaum in vollen Zügen. Sie standen jetzt direkt unter König Errich, wurden von seinen Adlerschwingen ausgebildet und hin und wieder unternahm er auch selbst Ausbildungsflüge mit ihnen. Asche war immer an seiner Seite, und die beiden trennten sich nicht einmal eine Sekunde. Bald schon wurde die schwarze Adlerin offiziell als Königin Asche vorgestellt und gekrönt, wobei Boris und Wicky in der ersten Reihe standen und zusahen. Die beiden Freunde begannen auch bald, Aufträge für König Errich auszuführen und flogen aus, um in Grenzgefechten gegen Feinde zu kämpfen. Es stellte sich heraus, dass Boris überaus talentiert im Flugkampf war, während Wicky lieber Kundschafter-Aufgaben übernahm, für die sie dank ihrer Größe auch optimal geeignet war. So unterstellte der König ihnen nach einiger Zeit jeweils eine Truppe Adlerschwingen, mit denen sie dem Königspaar halfen, gegen die räuberischen Nachbarn vorzugehen und das Volk der Adler zu beschützen. Wicky und Boris waren rundum glücklich mit der Situation, nur eine Sache beschäftigte den jungen Adler Boris. Die Frage nach seinen wirklichen Eltern ließ ihn nicht los.

Eines Tages fand ihn Königin Asche nachdenklich auf einem Ast sitzen und ließ sich neben ihm nieder.
„Was ist los, Boris?“, fragte die Königin leise. Sie war äußerst scharfsinnig und hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, dass mit dem jungen Adler etwas nicht stimmte. Aber erst jetzt hatte sich eine Gelegenheit ergeben, mit ihm alleine zu sein.
Boris erzählte ihr zögerlich von seinen Träumen, denn er hatte Angst, dass Asche ihn auslachen würde. Aber die neu ernannte Königin verstand ihn und schwieg eine Weile.

„Ich bin viel herumgekommen in der letzten Zeit und habe einige Adlerfamilie kennen gelernt. Wenn ich mich recht erinnere, gab es nur vier Adlerpaare, die im letzten Frühling Eier verloren haben.“
Boris sah sie hoffnungsvoll an und seine nächste Frage stand ihm ins Gesicht geschrieben: „Wo kann ich diese Adler finden?“
Also erklärte Königin Asche es dem Seeadler. Der suchte daraufhin sofort Wicky auf und berichtete ihr, was Asche gesagt hatte. Wie er erwartet hatte, war seine Freundin sofort Feuer und Flamme und sie beschlossen, das Königspaar sofort um Erlaubnis zu fragen, sich auf die Suche nach Boris‘ Eltern zu machen.

„Was ist, wenn ihr hier gebraucht werdet?“, fragte König Errich besorgt. Wicky sah Boris an und Boris sah Wicky an. Darüber hatten sie noch gar nicht nachgedacht. Aber Konigin Asche warf mit sanfter Stimme ein: „Errich, Liebster. Für Boris ist dies unglaublich wichtig. Die Beiden haben uns so einen großen Dienst erwiesen, ich denke, wir sollten ihnen auch einen Gefallen tun und sie ziehen lassen.“ Daraufhin nickte der König und sagte: „So soll es sein. Lasst euch aber nicht zu viel Zeit, ihr werdet hier im Dreikronenbaum gebraucht!“
„Vielen Dank, König Errich und vielen Dank Königin Asche!“ Beide Adler verbeugten sich und verließen dann die Höhle. Draußen ließen sie sich auf einem Ast nieder und sahen sich mit strahlenden Gesichtern an. Wicky sah zuerst in die Ferne, dann auf ihren Freund: „Wir finden sie garantiert, immerhin gibt es nur vier Adlerbäume, die wir aufsuchen müssen. Den Krustenbaum im Westen, die große Fichte im Osten des Laubwaldes, den Wald aus Eiszapfen im Norden und im Süden den Schuppenfischfluss. Das heißt, wir haben eine lange Reise vor uns, Boris!“

Das Abenteuer am Krustenbaum im Westen

Boris und Wicky flogen drei Tage und drei Nächte in den Westen, ehe etwas Aufregendes passierte. Sie überflogen die Grenze ihres Königreiches und mussten fortan aufpassen, was sie taten. Die Landschaft wurde langsam hügelig und das Gras brauner, die Bäume trugen weniger Laub und ein unguter Wind begleitete sie auf ihrem Weg.
„Das ist das Königreich von Mönich, dem Möwerich!“, rief Wicky ihrem Freund nach einiger Zeit zu. Boris nickte, er hatte nicht vergessen, was sie bei Tiara gelernt hatten. König Mönich regierte hart und streng, aber er sorgte auch gleichzeitig dafür, dass kein Möwenküken verhungerte oder ausgestoßen wurde und die Möwen verehrten ihren König. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sie nichts anderes als diese Strenge kannten und Möwen generell dumm waren, jedenfalls glaubte Boris das.
Tatsächlich begegneten ihnen auch schon bald die ersten Möwen. Über zwanzig weiße Vögel waren es, die plötzlich unter ihnen auftauchten und laut schnatternd mit den Flügeln schlugen. Sie bemerkten nicht einmal die beiden Fremdlinge über ihnen und da weder Wicky noch Boris große Lust hatten, die neugierigen Vögel auf sich aufmerksam zu machen, flogen sie leise wie Adler es nun mal tun, weiter und hatten die Möwen bald schon hinter sich gelassen. Doch dieser Schwarm war nicht der einzige, den die zwei entdecken. Innerhalb kürzester Zeit wimmelte die Luft um sie herum von Möwen, die allesamt laut miteinander schwatzend flogen und dabei wie riesige, weiße Wolken aussahen..

Anfangs wurden die zwei Jungadler nicht entdeckt, doch dann wurde eine recht kleine Möwe auf sie aufmerksam und der erste Schwarm Möwen flog auf Boris und Wicky zu.
„Wer seid ihr?“, wollte die kleine Möwe, die sie bemerkt hatte, wissen.
„Was wollt ihr hier?“, plapperte ein anderer Möwerich dazwischen.
„Hallo! Mein Name ist Boris und das…“, fing Boris an, doch sofort wurde er von einer dritten Möwe unterbrochen: „Salbei, lass Nala ausreden!“
„Misch dich du nicht ein, Grashüpfer!“, Nala, die kleine Möwe, schlug wütend mit den Flügeln und im Nu war eine lautstarke Zänkerei im Gange. Boris warf Wicky einen Blick zu, dann legten beiden gleichzeitig die Flügel an und brachten sich schnell in Sicherheit. Im Sturzflug zischten sie an dem weißen Schwarm vorbei und bremsten erst kurz vor der Erde ab, dann brachten sie sich mit wenigen, kräftigen Flügelschlägen wieder hoch in die Luft und sahen nach hinten, wo die Möwen immer noch lautstark stritten.
„Zum Glück liegt König Mönichs Reich nicht direkt an unseren, diese Vögel würde ich nicht den ganzen Tag aushalten“, Wicky schüttelte sich und Boris konnte ihr da nur zustimmen. „Wenn meine Eltern hier in der Nähe leben, wie halten sie das dann bloß aus?“, fragte er sich.
Tatsächlich konnte es jetzt nicht mehr weit sein und die beiden Adler fingen an, Ausschau nach einem Baum zu halten, der „Krustenbaum“ genannt werden konnte.
Boris war es, der schließlich einen Baum erblickte, der völlig auf die Beschreibung „Krustenbaum“ passte. Ein riesiger Baum mit ausladenden Ästen, dessen Baumrinde schon aus weiter Ferne zu erkennen war. Boris hatte noch nie einen solchen Baum gesehen, einen Baum, bei dem die Rinde überlappend und doppelt lag, laute große Knöpfe bildete und dazwischen tiefe Rillen hatte.
„Der Krustenbaum im Westen“, flüsterte Boris seiner Freundin leise zu, ehe sie langsam zum Landeanflug ansetzten.

Hör auf dein Herz Boris

Zuerst einmal war es unheimlich still. Der Baum schien sie vor der gesamten Außenwelt abzutrennen. Nicht einmal die laut kreischenden Möwen drangen an ihre Ohren, nur mehr das leise Rascheln der Blätter im Wind und das Knarren der Äste war zu hören.
„Hör auf dein Herz, Boris! Wenn es dir etwas sagt, dann haben sie hier gelebt oder leben immer noch hier!“, flüsterte Wicky leise und sah den Jungadler erwartungsvoll an.
Boris lauschte auf sein Inneres in der Erwartung, dass er es wissen würde, wenn dieser Baum der Richtige wäre. Aber sein Herz schwieg, es pochte zwar laut und schnell vor Aufregung, aber nichts deutete darauf hin, dass hier Adler lebten. „Nein, das ist es nicht“, dachte Boris enttäuscht.
Wicky sah ihren Freund an, woraufhin dieser den Kopf schüttelte. Trotzdem untersuchten sie den Baum genau. Doch mit jedem Ast, der unbewohnt war und mit jedem Flügelschlag, mit dem sie näher an die Spitze des Baumes kamen, wurde Boris klarer, dass dieser Baum unbewohnt war. Erst ziemlich weit oben fand Wicky eine große und geräumige Höhle, die so aussah, als ob einmal große Vögel darin gelebt hatten, doch jetzt war sie unbewohnt und leer. Boris betrat die Höhle vorsichtig und sah sich langsam um. Dann schloss er die Augen und versuchte, sich zu erinnern, ob ihm das vertraut war. Zwar war er damals bei der Amselfamilie geschlüpft, doch war er sich sicher, den Ort zu erkennen, wo seine Eltern gelebt hatten.
„Ich glaube, dass hier schon lange niemand mehr lebt“, sagte Wicky vorsichtig. Boris nickte und die Gewissheit, dass jetzt nur mehr drei Orte blieben, an denen sie seine Eltern finden konnten, stimmte ihn traurig. Was war, wenn sie alle drei übrigen Bäume gesehen hatten und nirgends eine Spur von dem Adlerpaar war, das Boris nie kennen gelernt hatte?
Wicky schien Boris‘ Gedanken zu erraten und sie hüpfte zu ihrem Freund und drückte sich eng an diesen: „Wir werden sie finden!“
Boris nickte langsam, aber sicher war er sich nicht.

Sie machten sie sich wieder auf den Weg, nach Norden diesmal. Der Wald aus Eiszapfen war ihr Ziel. Wicky hatte sich wie üblich die Koordinaten eingeprägt und wusste genau, wohin sie fliegen mussten, während Boris während des Fluges Ausschau nach Gefahren hielt. Zwar war der Weg, den sie einschlugen, ziemlich ungefährlich, aber man konnte ja nie wissen.
Sobald sie das Möwenreich hinter sich gelassen hatten, wurde die Landschaft karger und immer hügeliger. Ein kalter Wind begleitete sie, während sie über ödes Niemandsland flogen. „Das ist der Nordwind! Er ist der gefürchtetste Wind in allen Königreichen, denn er bringt Schnee und Eis, Kälte und Hungersnöte. Unser Ziel liegt ganz weit oben im Norden, wo nur Schnee und Eis die Erde bedecken und wo Königin Sera über die Eulen herrscht. Wenn wir die Schneegrenze erreichen, können wir nur mehr tagsüber fliegen, weil das Reich nachts den Eulen gehört.“ Boris wusste zwar all das schon, aber es tat gut, sich wieder unbeschwert mit Wicky unterhalten zu können, denn im Möwenreich hatten sie leise fliegen müssen.
„Sind die Eulen wirklich so klug, wie es heißt?“, fragte er die kleinere Adlerin.
„Ja! Sie sind sehr belesen und haben die größte Bibliothek überhaupt. Aber das heißt nicht, dass sie sich nicht aufs Kämpfen verstehen. Sie gehen Konfrontationen zwar lieber aus dem Weg und lösen Konflikte ohne Kämpfe, aber wenn jemand ohne Erlaubnis in ihr Revier eindringt und sie beim Jagen stört, können sie sehr angriffslustig werden.“ Boris staunte. Er hatte nicht gewusst, dass Wicky so viel über die anderen Königreiche wusste!
„Woher weißt du so viel?“, fragte er auch gleich nach.
Wicky lachte und rief ihm durch den Wind zu: „Als Kundschafter musst du über alles informiert sein. Ich musste einiges über die übrigen Königreiche lernen, wie man mit jeder einzelnen Gattung umgeht und wie man sich in ihren Reichen verhält, das ist nämlich gar nicht so einfach. Aber ich liebe es, Neues zu entdecken und herauszufinden, das macht mir unheimlich viel Spaß!“
Sie tauschten sich noch eine Weile aus über ihre unterschiedlichen Aufgaben, denn Boris war als Führer einer Flugkampftruppe für einen ganz anderen Aufgabenbereich als Wicky zuständig, dann verstummten sie jedoch bald, als die kalten Winde ihnen unter die Haut krochen und vor ihnen eine erste Schneewolke auftauchte. Sie umflogen die Wolke und erblickten plötzlich vor sich eine weiße Landschaft, das Schneereich der Eulen.

Der ewige Winter

Der Wind war das einzige Geräusch, welches zu hören war. Boris fühlte sich merkwürdig, so als wäre er gefangen in einer Kugel aus weißem Schnee und wirbelnden Flocken. Diese tanzten um die beiden Adler herum, nahmen ihnen die Sicht und legten sich auf die Gefieder der zwei. Für Boris war das ein verwirrendes Gefühl, durch das Schneetreiben zu fliegen. Zwar gab es auch zuhause im Adlerreich einen Winter und Boris hatte schon zwei selbst miterlebt, allerdings schneite es bei ihnen bei Weitem nicht so viel und wenn doch, dann verbrachten die Adler die Tage meistens im Inneren ihrer Höhlen, kuschelten sich aneinander und erzählten sich Geschichten über König Errich und Königin Asche oder über die alten, vergangenen Zeiten.
Für Wicky war der dauernde Winter, der hier im äußersten Norden das tägliche Leben bestimmte, noch ungewohnter. Als Madagaskarseeadler kam seine kleine Gefährtin aus dem Süden, wo kein Schnee jemals vom Himmel fiel und der Wind nur warme Luft mit sich brachte und keine Eiseskälte wie hier. Wicky hatte erst einen Winter hinter sich und dieser war für ihre Verhältnisse sehr mild und mit nur wenig Schneefall gewesen. Zwar hatte sie einiges über den Winter gelernt und als Kundschafterin musste sie einige theoretische Erfahrung damit haben, wie man sich im Winterwald verhielt, aber hier plötzlich inmitten eines Schneetreibens zu sein war doch etwas ganz anderes.

„Boris, ich kann nicht mehr!“, rief Wicky nach einiger Zeit, gerade als Boris anfing, sich nach einem geeigneten Landeplatz umzuschauen. Der größere Seeadler blinzelte und versuchte, durch das Schneetreiben etwas zu erkennen. Er konnte selbst seine Freundin nur mehr als verschwommenen Umriss erkennen, obwohl sie dicht neben ihm flog, und nickte daher. Wenn sie nicht sahen, wo sie hinflogen, machte es keinen Sinn. Lieber hielten sie ein ausgedehntes Schläfchen, wärmten ihre nassen, schweren Flügel und flogen am nächsten Tag weiter.
„Du hast Recht, es ist unmöglich, weiterzufliegen. Außerdem wird es sowieso bald dunkel werden!“, rief Boris gegen den Wind an. Wicky hielt sich dicht an Boris, als dieser langsam in einen Sinkflug ging und dabei verzweifelt die Schneeflocken aus seinen Augen blinzelte, um wenigstens zu erkennen, wo sie landen konnten. Doch das war gar nicht so einfach, denn die Welt unter ihnen war einheitlich weiß und nichts hob sich dagegen ab. Erst, als die beiden schon dicht über dem Boden waren, sah Boris plötzlich eine Silhouette die sich vom Boden abhob. Als er noch näher kam, erkannte er, dass es eine über und über mit Schnee bedeckte Fichte war. Er wollte seinen Fund gerade Wicky erzählen, doch die hatte die Fichte offenbar schon gesehen, denn sie steuerte direkt darauf zu. „Abbremsen!“, dachte Boris besorgt, doch es war schon zu spät.
Wicky krachte gegen die Wand aus Schnee, verschwand im Baum und ließ nur einen tiefgrünen Fleck im weißen Winterland zurück. Besorgt schlug Boris zweimal mit den Flügeln und hatte die Stelle schon erreicht. Er ließ sich vorsichtig auf dem instabilen Ast nieder und spähte den Stamm hinunter, doch von Wicky war keine Spur.
„Wicky? Bist du okay?“, rief er besorgt und balancierte langsam den Ast bis zum Stamm entlang. Er hatte kaum Interesse für die merkwürdige Beschaffenheit es Baumes, denn der Schnee umhüllte alles wie eine Kuppel und ließ im Inneren einen geräumigen Hohlraum, der für dutzende Adler genug Platz bot.
„Wicky?“, erneut rief Boris nach der Adlerin, denn jetzt machte er sich schon echte Sorgen. Er hüpfte auf den nächstniedrigeren Ast und von da immer tiefer, bis er sie, völlig mit Schnee bedeckt und heftig atmend, weiter unter ihm erblickte.
Wicky zitterte und bibberte vor Kälte, als sie den Schnee abschüttelte. Rasch war Boris bei ihr angekommen und legte schützend einen großen Flügel um sie. Die Kleinere schloss die Augen und genoss die Wärme, und so aneinander geschmiegt verharrten sie und schliefen bald ein.

Weiß wie Schnee, weiß wie Eulen

Der Seeadler Boris schlief kaum in dieser Nacht. Eng an Wicky gekuschelt, hörte er deren gleichmäßige Atemzüge, während er selbst kein Auge zutun konnte. Denn wenn er seinen Blick dem Nachthimmel zuwandte, konnte er die weißen Eulen erspähen, die vom Licht des fast vollen Mondes noch heller strahlten als die Schneelandschaft. Boris wagte kaum zu atmen, weil er von dem herausragenden Gehör der Eulen wusste und jeden Moment glaubte, entdeckt zu werden. Sie mussten doch sein klopfendes Herz hören, oder die Atemzüge von Wicky? Doch während der Mond langsam über den Himmel wanderte, schienen sie unsichtbar für die nachtaktiven Eulen. Erst gegen Ende der Nacht atmete Boris auf und fing an, sich zu entspannen. Er schüttelte seine verkrampften Beine aus und schloss dann die Augen.
Gerade, als er in einen tiefen Schlaf glitt, raschelte etwas nicht weit entfernt von ihnen und sofort war Boris in Alarmbereitschaft. Er riss die Augen auf und der Atem stockte ihm. Direkt vor den beiden spähte eine riesige, schneeweiße Eule durch die Nadeln des Baumes.
Langsam stupste Boris seine Freundin wach, während seine Augen auf die Eule geheftet waren. Diese ließ sich langsam auf einem Ast vor ihnen nieder, die schwarzen Augen flogen zwischen Wicky und Boris hin und her.
„Ein Mucks und ihr seid schneller tot, als ihr Maus sagen könnt!“, zischte sie mit langsamer, gefährlicher Stimme und hob ein Bein, an dem gefährlich lange und spitze Krallen zu sehen waren. Boris wollte sich instinktiv auf den Eulenkrieger stürzen, und war sich auch sicher, diesen Kampf gewinnen zu können – schließlich hatte er lange genug bei König Errich trainiert und auch schon einige Gefechte gewonnen, aber wenn er den Euler angriff, würden die paar Dutzend Eulen draußen das Kampfgeschrei hören und gegen so viele Krieger hatten sie keine Chance. Außerdem wollte er Wicky nicht gefährden, die noch nie eine herausragende Kämpferin gewesen war. 

Seine kleinere Freundin starrte den Euler aus großen Augen an, offenbar kannte sie ihn, doch Boris konnte sie jetzt nicht danach fragen. So folgten sie dem weißen Vogel, der mit einem Flügel nach unten deutete. „Was will er?“, fragte sich der Seeadler verwirrt, doch Wicky hatte es schon begriffen, ließ sich von dem Ast fallen und segelte langsam in die Tiefe, bis sie am Boden angelangt war. Der Euler deutete Boris, dasselbe zu tun, der nur widerwillig folgte. Doch mit der Aussicht, von mörderischen Krallen aufgespießt zu werden, tat er lieber, was von ihm verlangt wurde, und nur wenige Augenblicke nach ihm landete auch der Fremde neben ihnen auf dem kalten Erdboden.
„Und was jetzt?“, hätte Boris am liebsten gefragt, als der Euler erneut seine schwarzen Augen auf sie richtete. Doch da marschierte dieser auch schon los, ohne sich nach ihnen umzudrehen. Da die Tanne riesig war, war auch der geschützte Hohlraum zwischen Stamm und dem Nadeldach ziemlich groß, sodass Boris erst auf den zweiten Blick ein schwarzes Loch im Boden bemerkte. Er riss die Augen auf, als ihm klar wurde, dass die weiße Eule genau darauf zuhielt, kurz davor stehen blieb und den zweien ungeduldig winkte, sich hinein zu begeben. Unruhig sah der große Adler das kleinere Adlerweibchen an, welche ihm auffordernd zunickte und Anstalten machte, als erstes in das Schwarze Nichts zu gehen. Doch Boris war schneller und drängelte sich vor Wicky. Auch wenn es ihm Sorgen bereitete, nichts zu sehen, konnte er seine Freundin nicht guten Gewissens vorangehen lassen, das ließen seine guten Manieren nicht zu. Er warf noch einen Blick zurück und begegnete Wickys bangen Blick, dann setzte er vorsichtig einen Fuß vor das andere und tastete sich vorwärts, durch den Tunnel hindurch.
Er konnte weder sehen noch hören, was ihn am anderen Ende erwarten würde, Boris spürte nur den kalten Schnee unter ihm und die bedrückende Enge des Tunnels. Der Platz reichte bei weitem nicht aus, um seine Flügel aufzuspannen, er war also völlig auf seine Beine angewiesen, was ihm gar nicht behagte. Als Adler war er dazu geboren, hoch in den Lüften zu fliegen, und nicht hier in einem Tunnel am Boden herumzukriechen.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, merkte Boris zuerst gar nicht, dass sich der Tunnel langsam lichtete und erst, als ihn das strahlend helle Weiß des Schnees und der Federn der Eulen blendete, erkannte er, wo er sich befand und wer ihm da gegenüberstand, die eisblauen Augen auf ihn gerichtet.

Die Herrscherin über Eis und Schnee

Boris blinzelte unter dem stechenden Blick der schneeweißen Eule und senkte dann den Blick.
„Eure Majestät“, murmelte er leise, woraufhin auch von Wicky ein schüchternes Murmeln kam. Die Königin erwiderte jedoch nichts darauf, sondern musterte die beiden jungen Adler.
„Königin Sera, wenn ihr erlaubt…“, einen der eifrig näher tretenden Wachen brachte sie mit einem Flügelschlag zum Verstummen, dann öffnete sie langsam ihren Schnabel und fragte mit leiser und melodischer Stimme, die doch durch weit drang: „Warum seid ihr hier?“
Wicky sah Boris an und Boris sah Wicky an. Dann brach Wicky das Schweigen, das sich ausgebreitet hatte: „Wir kommen nicht mit feindlicher Absicht“, damit entspannten sich einige der Wachen schon einmal sichtlich und Wicky fuhr fort: „Wir haben erfahren, dass tief im Wald der Eiszapfen hier oben im Norden ein Adlerpaar leben könnte. Nach diesem suchen wir, denn es könnten die Eltern meines Freundes hier sein.“
Boris bewunderte Wickys Art, vor der Königin zu sprechen. Er selbst traute sich kaum, ihren Blick zu erwidern, während Wicky jetzt hoch in die eisblauen Augen den Königin sah, die doch um einiges größer war als sie selbst.
„Sonia und Anso?“, Königin Sera wandte sich nun an Boris, der plötzlich wie magisch von ihrem Blick angezogen wurde und sie zum ersten Mal richtig ansah. Sie war wunderschön, ihr Gefieder glänzte und glitzerte strahlend weiß, weißer als weiß. Er junge Adler konnte seinen Blick gar nicht mehr abwenden und nahm nichts mehr wahr als die Schönheit dieser Königin, die jetzt langsam den Kopf schief legte. „Junger Adler, ich habe dich etwas gefragt!“, ihre Stimme war noch immer sanft und sie schien auch gar nicht verärgert, dass Boris ihr nicht geantwortet hatte, aber dieser beeilte sich jetzt zu sagen: „Ich weiß leider nicht, wie sie heißen, aber es könnten meine Eltern sein.“

Königin Sera nickte und blickte zu dem weißen Euler, der Boris und Wicky hierher geführt hatte. „Rufus, bring bitte unsere jungen Gäste zu dem Wald aus Eiszapfen. Nimm vier deiner Wächter mit und stelle sicher, dass sie ohne Komplikationen die Adler finden und unser Reich anschließend wieder verlassen!“ Boris zuckte zusammen, denn die Warnung, die in den Worten von Königin Sera mitschwang, war überdeutlich zu hören. Er sah seine Freundin an, die noch besorgter als er wirkte.
Die Wache, die Rufus hieß, deutete Boris und Wicky an, wieder durch den engen Tunnel zu schlüpfen, doch davor verneigten sie sich alle vor der Königin des Nordens. Rufus winkte einigen Wachen zu, die sich aus der schneeweißen Masse lösten und sich dicht hinter ihnen hielten.
Boris war froh, als sie wieder unter dem schützenden Dach des Tannenbaumes angekommen war, doch Rufus machte keine Anstalten, das Ende der Nacht abzuwarten.
„Sie werden euch nichts tun, solange wir bei euch sind“, erklärte er mit einer tiefen Stimme. Und wieder sahen sich die zwei Jungadler an, denn auch in Rufus‘ Worten war die Drohung nicht zu überhören. Wenn sie sich von den Wachen entfernten, würden die Eulen sie angreifen. Boris seufzte. „Ich hoffe, meine Eltern sind auch wirklich im Wald aus Eiszapfen“, dachte er hoffnungsvoll. Wenn nicht, war die Reise hier hinauf in den Norden sinnlos und brachte sie nur unnötig in Gefahr.

Die Reise unserer Adler geht weiter zum Eiszapfenwald

Keine der Wachen sprach ein Wort während sie durch die klare Nacht flogen. Boris fühlte sich unwohl, denn die weißen Eulen flogen eng um sie herum und ließen ihn fast keinen Platz um die Flügel zu schlagen – wie in einem Käfig kam der junge Adler sich vor. Er wusste, dass sich auch Wicky unwohl fühlte, dennoch schwiegen die beiden, wie auch ihre Wächter. Die Eulen, die um sie herum schwirrten, blickten meist neugierig, oft auch nicht begeistert auf die Adler und viele folgten ihnen in einigem Abstand, sodass bald eine große Schar weißer Eulen den Adlern und ihrem Begleitschutz folgten.
Boris merkte, wie er langsam müde wurde, doch der Gedanke an seine Eltern hielt ihn wach. Wie konnten sie es bloß aushalten, hier umgeben von so vielen Eulen? Wenn man sie genauso behandelte wie Wicky und ihn dann konnte das doch kein schönes Leben sein. Oder sie fühlten sich wohl unter den Eulen und hatten schon ihre Gewohnheiten übernommen. Boris wusste, dass es albern war, und doch stieg in seinem Kopf ein Bild von einem Adlerpaar auf, dass zwar noch aussah wie echte Adler, jedoch weiße Federn und große Eulenaugen hatte und lautlos durch eine dunkle Winternacht flog. „Mach dir nicht zu viele Gedanken!“, raunte Wicky ihrem Freund zu, als hätte sie gespürt, wie er sich angespannt hatte. Boris wandte ihr den Kopf zu, sagte aber nichts mehr, da einige ihrer Begleiter die Ohren gespitzt hatten und er nicht wollte, dass die Eulen von seinen Ängsten etwas mitbekommen würden. 

Es dauerte jetzt nicht mehr lange, dann wurde die Formation langsamer und steuerte eine scharfe Kurve um einen Baum an. Sie flogen tiefer und plötzlich wieder schneller, dann folgte eine Reihe Kurven und Ausweichmanöver um große Tannen herum, sodass die beiden Adler in der Mitte Mühe hatten, bei diesen Manövern mitzuhalten. Boris fragte sich gerade, wann sie wohl den Wald aus Eiszapfen erreichen würden, da ging es vor ihnen plötzlich steil bergab, in eine plötzlich aufklaffende Schlucht hinein, die sich riesig vor ihnen erstreckte. Doch die Schlucht war nicht das einzig faszinierte, denn die Schlucht war gefüllt mit einem Tannenwald – doch keinem gewöhnlichen. Nein, die Tannen hatten keine normale, grüne Farbe, sondern waren von einer dicken Eis und Schneeschicht überzogen, sodass nur ein Hauch von Grün durchschimmerte. Der Mond bestrahlte den Wald so, dass das Eis schimmerte und es tatsächlich wie tausende riesige Eiszapfen aussah. Boris staunte nur, hatte er doch gedacht, dass der Name „Eiszapfenwald“ nichts mit dem Aussehen des Waldes zu tun hatte. Die Eulen wussten offenbar genau, wohin sie wollten, denn sie flogen hinab, direkt in den merkwürdigen Wald hinein. Kaum waren sie in der Schlucht angelangt, empfing sie ein eisiger Wind, der Schnee mit sich trieb und Boris und Wicky schauern ließ. Kein Wunder, dass alle Bäume vereist waren, wen so ein starker, kalter Wind hier ständig ging!
„Sonia, Anso?“, die Wache an der Spitze der Eulen rief mit tiefer Stimme nach dem Adlerpaar, woraufhin Boris‘ Herz wie wild zu klopfen anfing. Die Formation verharrte mitten in der Luft, gab es hier doch keine geeigneten Landeplätze. Der Wind trug die beiden Wörter weiter und dutzende, leise Echos ertönten von allen Ecken. Dann breitete sich wieder Stille aus, nur das Schlagen der Flügel und das Zischen des Windes waren zu hören. Boris lauschte angestrengt und schlug aufgeregt und nervös viel lauter mit den Flügeln als alle anderen Vögel, was ihn aber nicht kümmerte. Vielleicht würden jetzt seine Eltern kommen. Doch wenn es so war, würde er es dann merken? Würden sie ihn erkennen, obwohl sie ihn noch nie gesehen hatten? Wohl kaum, aber er hatte sie genauso wenig gesehen, woher sollte er also wissen, ob sie es waren?
Während ihm diese Fragen durch den Kopf schwirrten und das Bild der eulenhaften Adler erneut vor seinen Augen erschien, erklang plötzlich ein neues Geräusch. Es waren Flügelschläge, die sich schnell näherten und dann tauchten vor ihnen langsam zwei Gestalten aus, schummrig und in dem dunkel schwierig zu erkennen. Nur ihre gelben Augen funkelten im Dunkeln, als sie bald nahe genug waren, um die Eulen und die zwei Jungadler in der Mitte zu sehen.
Ein lauter Aufschrei ertönte, gefolgt von einem freudigen, tiefen Summen: „Wir wussten es!“

Wieder vereint, die Suche hat ein Ende

Boris Herz setzte einen Schlag aus, als er die Gestalten der beiden Adler langsam richtig erkennen konnte. Er wusste nicht, ob er sich das einbildete, aber sie kamen ihm vertraut vor, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Instinktiv wusste er, dass das seine Eltern waren. Die Eulengruppe rund um die zwei Jungadler löste sich auf und verneigte sich in der Luft, dann flogen sie zurück in die Richtung aus der sie gekommen waren. Boris verharrte so still in der Luft, wie es ihm möglich war und besah sich das Adlerpaar genau. Seine Augen wanderten über jedes kleine Detail in den Federkleidern bis hin zu den gelben Augen. In den hellgelben Augen der Adlerdame, die seine Mutter zu sein schien, schimmerte es und kurze Zeit später tropften heiße Tränen heraus und fielen in den gefrorenen Wald. Plötzlich war Boris nicht mehr kalt, der Wind hatte keine Kraft mehr. Eine tiefe Wärme durchströmte ihn und unbändige Freude.
„Kommt mit ihr zwei, zu unserem Nest. Dort können wir uns unterhalten!“, der Adler namens Anso sprach mit einer Stimme, die voller Emotionen war, und wandte sich sofort nach Westen. Sonia folgte ihrem Gefährten schnell, woraufhin sich Boris und Wicky ansahen und ihnen folgten. Wickys Augen glänzten zuversichtlich und glücklich, während Boris gar nicht wusste, was er sagen, denken oder fühlen sollte. Er war nur mehr verwirrt. Zwar hatte er die ganze Zeit gehofft, seine Eltern zu finden, aber wie er sich verhalten oder was er fühlen sollte, wenn er ihnen dann tatsächlich gegenüberstand – darauf war er nicht vorbereitet gewesen. 

Sie flogen keine fünf Minuten, dann hatten sie den glitzernden Eiszapfenwald hinter sich gelassen und flogen ziemlich steil bergauf, da die Schlucht von einem großen Felsenkessel umgeben war. Ganz oben auf dem Felsenkessel befand sich ein Nest, groß und geräumig, windgeschützt und kuschelig warm. Die Adler landeten, dann herrschte einen Moment lang Stille.
„Wie heißt du?“, fragte Sonia schließlich flüsternd und sah dabei Boris liebevoll an.
„Boris“, erklärte der junge Adler ziemlich verlegen. Was war das für eine verworrene Situation, dass er seinen Eltern erklären musste, wie er hieß?
„Boris“ – „Boris“, beide sprachen den Namen gleich aus, mit einem ungewöhnlichen Akzent, so als hätte er so einen sonderbaren Namen noch nie gehört. Für einen kurzen Moment hatte Boris Angst, dass seinen Eltern sein Name nicht gefallen würde, dann funkelten die Augen seines Vaters und er erklärte: „Wir haben gewusst, dass du uns eines Tages suchen würdest. Wir haben dich unsererseits lange gesucht, aber schließlich mussten wird aufgeben.“
„Du musst von Anfang an erzählen, Anso, sonst kennt er… sonst kennt sich unser Sohn nicht aus!“, als sie die Worte „unser Sohn“ aussprach, brach ihre Stimme und auch Boris fühlte ein merkwürdiges Gefühl in sich hochsteigen.
„Später, zuerst sollten wir auch seine Freundin begrüßen. Wie heißt du, kleiner Madagaskarseeadler?“
„Mein Name ist Wicky!“, stellte sie sich vor und Boris ergänzte schnell: „Sie ist meine beste Freundin. Gemeinsam haben wir schon viel erlebt und dienen als Adlerschwingen unter König Errich und Königin Asche.“
Ansos und Sonias Augen wurden groß und Sonia sagte stolz: „Ich glaube, auch ihr habt eine Geschichte zu erzählen. Aber zuerst würden wir gern erzählen, wie wir dich, Boris, verloren haben. Es ist eine traurige Geschichte, aber ich hoffe du wirst sie verstehen.“
Also begann Anso und gemeinsam erzählten sie die Geschichte, während Boris und Wicky lauschten.

Die Geschichte von Boris

„In unserer Jugend waren Sonia und ich beste Freunde. Wir dienten gemeinsam unter dem Vorgänger König Errichs, nämlich König Richat, nahmen an zahlreichen Schlachten teil und flogen stets gemeinsam, Seite an Seite.“
Anso wechselte eine liebevollen Blick mit seiner Gefährtin, die fortfuhr: „Irgendwann hatten wir uns wohl ineinander verliebt und als wir älter wurden, gründeten wir eine Familie. Wie waren wir stolz auf unser erstes Gelege. Vier wunderschöne Eier, groß und prächtig. Eines war schöner als das andere. Wochenlang haben wir sie abwechselnd ausgebrütet. Weder Anso noch ich haben je beide gleichzeitig das Nest verlassen. Doch dann war eines Morgens etwas Furchtbares geschehen…“
Boris‘ Mutter senkte betrübt den Kopf, woraufhin Anso für sie weitersprach: „Ein Schwarm Raben griff unseren Baum an. Es war ein kriegerischer Trupp, der viel zu weit in unser Reich eingedrungen war. Wir hörten sie kommen, denn Raben machen ja für gewöhnlich sehr viel Lärm beim Fliegen. Sie schrien und kreischten laut, sodass wir vorgewarnt waren, aber was sollten wir tun? Wir mussten unsere Eier in Sicherheit bringen. Aber die Eier waren groß und schwer, und jeder konnte immer nur eines nehmen. Aber die verbliebenen Eier schutzlos zurücklassen? Nein. Also packte ich das erste Ei, flog so schnell ich konnte an einen sichereren Platz zu einem befreundeten Adlerpaar, ließ das Ei bei ihnen und kehrte zurück, um das nächste Ei zu holen. Doch der Weg war lang und als ich wieder bei unserem Nest ankam, konnten wir schön die Adler als schwarzen Schatten sehen. Sie kamen unaufhörlich weiter und uns blieb nur eine Chance, die Eier zu retten. Ich nahm also das zweite Ei und Sonia auch eines. Schweren Herzens mussten wir ein Ei zurücklassen. Aber es ging nicht anders! 

Doch es war sehr schwer, mit den Eiern und dem ständigen Schlagen der Rabenflügel zu fliegen. Die Eier warne schwer, ich hatte schon einen langen Flug hinter mir und Sonia war noch geschwächt von der Nacht, da wir noch nicht gejagt hatten und sie die Eier gebrütet hatte. Und so kam, was kommen musste. Die Raben holten auf, sie holten uns ein. Wir konnten gerade noch einen Baum erreichen und die Eier dort in einer Höhle verstecken, ehe wir uns den Angreifern stellen mussten. Es waren sehr viele und obwohl wir im Kampf erprobt waren, hatten wir gegen eine solche Übermacht keine Chance! Doch dann kam Rettung. Das befreundete Adlerpaar hatte schnell alle Adlerkrieger in der Nähe aufgesucht, die Adlerschwingen gab es damals ja noch nicht, und gemeinsam schafften wir es, die Raben zu vertreiben. Doch für unsere Eier war das zu spät. Sie waren… erstarrt in der Kälte. Zu lange hatten sie ohne den wärmenden Schutz von Sonia oder mir auskommen müssen. Wir sind sofort zu unserem alten Nest geflogen, doch das zurückgelassene Ei war zerstört. Zerstört von den grausamen Raben! Wir waren erschöpft und müde, und der Verlust der drei Eier machte uns schwer zu schaffen. All unsere Hoffnung lag in dem letzten Ei. Wir kehrten zu dem Nest des befreundeten Adlerpaares zurück, aber dort traf uns die Wahrheit wie ein Schlag. Das Nest war leer.“
„Wir haben an einem einzigen, kalten Morgen unsere vier Eier verloren. Es war der schlimmste Tag in unserem Leben, das kannst du uns glauben, Boris. Der Schmerz, du kannst ihn dir nicht vorstellen. Zwei Eier waren erfroren und eines zerstört. Aber ich wusste, dass du noch lebtest. Ich wusste irgendwie, dass unser viertes und letztes Ei auf eine lange Reise gegangen war. Anso wollte mir zuerst nicht glauben, und vor allem wollte er nicht die Enttäuschung erfahren, wenn wir doch herausfinden würden, dass es auch für unser viertes Küken keine Chance mehr gab. Aber wir haben trotzdem nach dir gesucht. Tagelang, Monatelang.“
„Irgendwann mussten wir einsehen, dass wir dich nicht finden würden. Wir hatten ja keine Ahnung, wo du nun lebst oder wie du aussiehst! Wir haben also Asche ausgesucht, die eine gute Freundin von uns war, und ihr von unserem Leid berichtet, in der Hoffnung, dass sie dich eines Tages zufällig finden würde. Dann haben wir uns hierher verzogen und da wir Königin Sera bei einer wirklich dummen Angelegenheit aus der Patsche geholfen haben, ist sie uns zu ewigem Dank verpflichtet und hat uns versprochen, keinem Adler etwas zu tun, sondern jeden zu uns zu schicken, der sich in ihr Reich verirrt. Und hier seid ihr nun, Wicky, Boris. Endlich!“

Für das Gute

„Also seit ihr wirklich meine Eltern?“, fragte Boris ungläubig nach. Er konnte es noch immer nicht glauben, aber Sonia und Anso nickten. „Sonia hat es als erstes gespürt, als ihr bei Königin Sera wart. Ich habe zuerst gezweifelt, aber dann hat sich ihr Gefühl als richtig herausgestellt, Boris, mein Sohn.“
Bei dem Wort Sohn glühte Boris‘ Brust und er drückte sich zum ersten Mal dicht an seine Eltern heran und schloss die Augen. Jetzt fühlte er sich komplett. Vollständig. Glücklich.
„Wir hoffen natürlich, dass ihr hier bei uns bleibt!“, flüsterte Sonia nach einer ganzen Weile.
„Wir?“, fragte Wicky zaghaft.
„Aber sicher!“, alle drei sahen sie erstaunt an. Boris überkamen Gewissensbisse. Hatte seine beste Freundin tatsächlich geglaubt, dass er ohne sie bei seinen Eltern bleiben wollte?
„Wicky, du bist meine beste Freundin. Wir beide bleiben für immer zusammen!“, erklärte der Jungadler ihr, woraufhin Wicky zu strahlen begann.
„Dann ist das ja geklärt. Königin Sera wird auch nichts dagegen haben. Immerhin haben wir vor Jahren ihr Ei gerettet. Sie ist uns zu großem Dank verpflichtet, da dieses Ei ihr einziger Nachfolger ist. Prinz Saro besucht uns auch oft hier, aber Königin Sera hält seine Existenz außerhalb ihres Königreiches streng geheim. Immerhin ist ihr Gefährte vor ewiger Zeit dem Krieg zum Opfer gefallen und deshalb ist sie bei ihrem Sohn besonders vorsichtig.“
„Daher kommen wahrscheinlich auch die ganzen Legenden, dass Königin Sera so gefährlich und angriffslustig ist, oder?“

„Ja. Sie will ihr Reich und ihre Eulen um jeden Preis vor Feinden schützen. Wie eine Mutter wacht sie über jeden, der unter ihrem Schutz steht.“ Sonia blickte beide Jungadler lange an, dann fügte sie hinzu: „Und wir werden euch beschützen. Koste es, was es wolle!“
„Mama“, bei diesem Wort stockte Boris kurz, dann sprach er hastig weiter, „Wicky und ich sind ausgebildete Adlerschwingen von König Errich und Königin Asche. Wir haben gelernt, wie wir auf uns aufpassen können. Und wir wollen auch weiter Gutes tun, nicht wahr Wicky?“
„Das stimmt. Nichts ist schlimmer, als all dem Elend und dem Leid zusehen zu müssen. Wir haben geschworen, jedem zu helfen, der Hilfe braucht. Wir haben geschworen, das Böse zu bekämpfen.“ Boris‘ Stimme war fest, als er sprach und seine Eltern erkannten, dass er genau wusste, was er da sagte und jedes Wort genau so meinte.

Wieder schwiegen alle vier, dann fragte Boris zögerlich: „Werden wir jetzt hier leben?“
„Oh nein, hier ist nicht der geeignetste Lebensplatz für Adler. Wir werden, wie du gesagt hast, Boris, in die Welt ausfliegen und Gutes tun. Wir vier, gemeinsam.“, Anso sah seine Gefährtin an, die nickte. Dann streckten beide ein Bein aus und die Jüngeren taten es ihnen nach. In der Mitte berührten sich die Beine, während Sonia mit fester Stimme verkündete: „Für das Gute.“
„Für das Gute!“, wiederholten Anso, Boris und Wicky. Dann flogen sie los. In die weite Welt hinaus, um Gutes zu tun.