Das Pferd als Spiegel der Seele des Reiters

Pferde fühlen den Gemütszustand des Reiters, seine Wut, seine Freude und vor allem seine Ausgeglichenheit

Ich habe nie geglaubt, dass ich einmal ein Pferd finden würde, das einfach immer spürt, wie es mir geht. Natürlich habe ich davon geträumt, irgendwann ein Pferd zu haben, das mich versteht, tröstet und liebt, ohne Wenn und Aber. Aber unter keinem der Pferde, die ich je getroffen hatte, fand sich ein solches Tier. Die Schulpferde, die ich gerne ritt und zweifelslos auch sehr mochte, hatten alle etwas Stumpfsinniges. Sie konnten sich nicht auf die Reitschüler einlassen, geschweige denn wirklich Beziehungen zu ihnen aufbauen, was oft auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Erst im März des letzten Jahres fand ich ein fantastisches Pferd, den Haflingerwallach Nottingham. Nottingham ist für einen Haflinger sehr groß und muskulös und absolut verschmust. Als ich ihn das erste Mal gesehen hatte, wusste ich: „Er und kein Anderer!“

Ich bekam ihn als Reitbeteiligung, lernte ihn kennen und lieben. Wir bewältigten gemeinsam die Prüfung der Reiternadel und meine Fähigkeiten als Reiterin verbesserten sich stark. Innerhalb des letzten Jahres baute sich eine Beziehung zwischen uns auf. Aber auch wir hatten Tage, an denen er unwillig oder ich frustriert war. Manchmal wollte ich aufgeben und einfach wegrennen. Manchmal wollte er mich einfach loshaben. Und dann, eines Tages im Winter, kam ich nach einer Massage zu ihm, um ihn in den Halle laufen zu lassen. „Cranio Sacral“, ist eine sanfte aber sehr effektive Methode, um dem Körper die Chance zu geben, sich selber von Schmerzen oder Blockaden zu heilen. Nach dieser Massage fühlte ich mich wie neugeboren, war im Einklang mit mir selbst und tiefenentspannt. Und der Haflingerwallach, man glaubt es kaum, spürte das alles. Er wich mir nicht von der Seite und stand entspannt da, während draußen ein Moped vorbeifuhr. Nottingham, dem schreckhafte Nottingham, waren alle Geräusche egal, nicht einmal mit den Ohren zuckte er. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass meine Ruhe und die Zufriedenheit auf ihn übergegangen waren.  Es war ein absolut herrliches Gefühl, denn er reagierte an diesem Tag auf jede kleinste Bewegung von mir, während wir ohne Halfter und Strick ein paar Übungen im Schritt und Trab machten. Dass er mir folgte, wusste ich bereits, aber wie er es tat, war neu für mich und scheinbar auch für ihn. 

Seit diesem Tag nehme ich meine Stimmung viel bewusster wahr, bevor ich zu ihm in den Stall gehe. Und mir ist auch klar geworden, wie sensibel er reagiert, wenn ich gestresst bin oder mich etwas beschäftigt. So unglaublich es auch klingt, mein Nottingham spürt es, wenn ich traurig bin oder mir Sorgen über etwas mache. Dann schnauft er, kommt mit seiner großen Nase ganz nah zu mir und kitzelt meine Wange, oder knabbert an meinem Ohr. Oft legt er mir auch den Kopf auf die Schulter und schnaubt, als würde er mich trösten wollen. Und eines muss man ihm lassen, er ist der beste Seelenklempner. Ihm meine Probleme zu erzählen hilft, denn er hört immer zu und auch wenn er nicht versteht was ich sage, so spürt er doch den Tonfall und reagiert darauf, manchmal sogar besser als Freunde es tun.

Pferde sind sensible Tiere, sie spüren, wie es uns Menschen geht und reagieren dementsprechend.
Merkt mein Haflinger, dass ich unkonzentriert bin, nutzt er das normalerweise gerne aus, um Blödsinn zu machen und einen netten, kleinen Hüpfer in unsere Trabarbeit einzubauen oder sich vor seinem eigenen Schatten zu fürchten. Auch wenn ich mich über ihn ärgere, spürt er das und provoziert mich nach dem Motto: „Jetzt erst recht.“
Andererseits klappt die Dressurarbeit hervorragend, wenn wir beide uns aufeinander abstimmen und ich mich voll und ganz auf ihn konzentriere. Dann ist die Harmonie spürbar, er vertraut mir und ich ihm. Denn Pferde sind einfach die Spiegel von uns Reiter.