Trainieren im Gelände, gute Übungen für Pferd und Reiter

Gerade im Gelände werden Körperteile des Pferds trainiert, die sonst vernachlässigt werden.

In der näheren Umgebung meines Stalles findet sich kein Weg, der länger als 100 Meter geradeaus führt. Stattdessen führen schmale Pfade im Wanderwegstil bergauf und bergab durch die Wälder, oder breite Feldwege über Hügel und Wiesen – ab und an gilt es auch einmal eine Straße zu benutzen oder zu queren.

Ein einstündiger Ausritt mit zwei Galoppstrecken und ein oder zwei Trabpassagen ist für mein Pferd ungefähr genauso anstrengend wie eine Trainingseinheit auf dem Platz oder der Halle. Außerdem wage ich zu behaupten, dass Gleichgewicht und Konzentration bei einem unserer Ausritte mehr geschult werden. Die Gründe dafür: Das ständige Bergauf- und Berabgehen, die vielen Wurzeln und Steine auf den Wegen und die wechselnde Landschaft.

Bergauf für die Koordination

Bergaufgehen schult die Koordination, außerdem wird die Muskulatur gekräftigt, besonders für die Hinterhand ist das Bergaufgehen anstrengend, da sie kräftig mitschieben muss, um die mehreren 100 Kg bergauf zu befördern. Daneben senken Pferde bergauf den Kopf und wölben meist von alleine Hals und Rücken, um die Hinterhand zu entlasten und begeben sich so selbstständig in eine wünschenswerte Dehnungshaltung.

Bergab für mehr Kontrolle

Geht es Bergab, muss das Pferd automatisch mehr mit der Hinterhand untertreten und sich versammeln, um nicht unkontrolliert nach vorne zu fallen.
Steile Hänge oder Abhänge schulen außerdem die Trittsicherheit des Pferdes, denn es muss sich bei jedem Schritt konzentrieren und darauf achten, wohin es seine Beine setzt. Genau dasselbe ist bei Untergründen mit vielen Wurzeln oder Steinen. Unsicheren Pferden sollte man in diesen Situationen Hilfestellungen geben, indem man sie durch halbe Paraden immer wieder aufmerksam macht – gleichsam der Arbeit mit Stangen. Ich trabe auf solchen Waldwegen auch immer gerne ein Stück, um mein Pferd noch mehr zu fordern. Aufpassen sollte man jedoch, wenn es in der vorigen Nacht oder den letzten Tagen geregnet hat, denn dann können Waldböden und Wurzeln sehr rutschig werden und die Pferde bei nur einem falschen Schritt sehr schnell straucheln oder sogar stürzen.

Gleichgewicht und Balance fördern

An- und Abstiege fördern nicht nur das Gleichgewicht des Pferdes, sondern auch die Balance des Reiters. Auf geradem Untergrund bleibt auch der Schwerpunkt und die Gewichtsverlagerung des Pferdes ähnlich und die Bewegungen sind uns Reiters sehr vertraut. Geht es jedoch unablässig bergauf oder bergab, verlagert das Pferd ständig seinen Schwerpunkt und die Bewegungen folgen einem anderen Muster oder sind leicht unregelmäßig. Dadurch müssen wir Reiter (vermutlich sogar unbewusst) größere Balance und Koordination aufweisen, um den Bewegungen folgen zu können.


Unterstützung durch den Reiter

Als Reiter kann und soll man sein Pferd bergauf und bergab unterstützen.
Geht es bergauf, verlagert man das Gewicht nach vorne, beugt den Oberkörper nach vorne und hebt das Gesäß ein Stück aus dem Sattel (Leichter Sitz, oder auch Geländesitz), um den Rücken und die Hinterhand des Pferdes zu entlasten. Je steiler der Anstieg, desto mehr entlastet man. Wichtig ist es auch, dem Pferd bergauf mehr Zügelfreiheit zu lassen, damit es den Hals nach unten dehnen kann und Hals und Kopf selbstständig ausbalanciert. Natürlich bedeutet dies nicht, die Zügel völlig aus der Hand zu legen, eine leichte Spannung sollte vorhanden sein, aber gleichzeitig ein nachgebender Zügel, wenn das Pferd es verlangt.

Bergab gilt es ebenfalls, das Pferd zu entlasten. Man schiebt dabei das Gesäß nach hinten in den Sattel, richtet sich mehr auf und stellt die Füße fest in die Steigbügel. Geht es sehr steil bergab, kann man sich auch ein wenig nach hinten lehnen, die Beine werden automatisch nach vorne rutschen, um das Gewicht auszubalancieren. Das wichtigste bergab ist jedoch der Zügel. Bergab benötigt das Pferd Zügelfreiheit, um seinen Hals und Kopf auszubalancieren (die meisten Pferde wippen stark den Kopf nach links und rechts, sobald es steil bergab geht). Auch hier heißt es jedoch, eine leichte Anlehnung zu behalten. Einige Pferde neigen auch dazu, bergab immer schneller zu werden. Dann ist es sinnvoll, das Pferd durch leichte Paraden immer wieder an die Maximalgeschwindigkeit zu erinnern. Andere Pferde werden bergab langsamer und bewältigen solche Abstiege vorsichtiger. Auch mein Pferd gehört zur letzteren Gruppe, wobei mir dies bei Weitem lieber ist, wie wenn er unkontrolliert bergab stürmen würde. Ich lasse ihn dann in seinem Tempo gehen und dränge ihn nicht, schneller zu werden.

Auf den Schwerpunkt achten

Viele Pferde werden bei Abstiegen schnell unsicher und kommen daraufhin ins Rennen. Helfen kann man ihnen, indem man den Schwerpunkt nach hinten verlagert und sie durch leichte Paraden unterstützt, keinesfalls sinnvoll ist es, am Zügel zu ziehen, da sie sich dann nur noch mehr auf die Vorderhand fallen lassen und noch schneller werden. Oft rührt die Unsicherheit der Pferde auch von ihren Reitern, die zu wenig Vertrauen in die Vierbeiner haben. In solchen Fällen gilt: lieber absteigen als etwas riskieren. Ohne zusätzliches Reitergewicht finden sich Pferde ihren Weg leichter und auch manch unsicherer Reiter fühlt sich dann sicherer.